Nach Katastrophe in Kolumbien
Nach dem Erdbeben: Wo das Krankenhaus selbst Hilfe braucht
Nach dem Erdbeben in Kolumbien
Zerstörte Straßenzüge nach dem Erdbeben.
Philipp Znidar. DPA

Während in Kolumbiens Großstadt Cali große Rettungsstrukturen arbeiten, sind kleinere Orte stärker auf Hilfe von außen und Solidarität angewiesen. Ein Krankenhaus ist selbst zum Notfall geworden.

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Roldanillo (dpa) – Wo sonst Touristen durch die Straßen ziehen, ist ein ganzes Stadtzentrum zum Trümmerfeld geworden: Überall liegen Mauerteile, Dachreste und zerborstene Fassaden auf den Straßen, dazwischen stehen die Reste mehr als 100 Jahre alter Gebäude. Roldanillo, eine rund 45.000 Einwohner zählende Stadt im Südwesten Kolumbiens und international bekannt als Zentrum des Gleitschirmfliegens, ist schwer von dem Erdbeben in Kolumbien getroffen. Rund 150 Kilometer entfernt kämpft Cali, die Millionenstadt, ebenfalls mit den Folgen des Erdbebens. Doch während dort große Rettungsstrukturen mobilisiert werden können, müssen sich die kleineren Orte vielfach selbst helfen.

Ein Krankenhaus wird selbst zum Notfall

Denn selbst dort, wo normalerweise den Verletzten geholfen wird, hat das Beben tiefe Spuren hinterlassen. Rund 70 Prozent des lokalen Krankenhauses in Roldanillo sind derzeit nicht nutzbar. Das Krankenhaus versorgte normalerweise auch Menschen aus mehreren umliegenden Gemeinden.

Jetzt muss es selbst mit den verbliebenen Kapazitäten auskommen. Notaufnahme, Operationssäle und Kreißsaal sind noch nutzbar, für die stationäre Behandlung wurde das Auditorium umfunktioniert. «Es werden nur noch sehr dringende Notfälle zur stationären Behandlung aufgenommen», sagt Sprecherin Manuela Hernández Vargas der Deutschen Presse-Agentur.

Auch für das Personal ist die Situation belastend. Einige Mitarbeiter haben ihre Häuser verloren, andere fürchten nach dem Beben weitere Einstürze. «Die psychische Belastung ist im Moment sehr groß», sagt Hernández Vargas.

Zwischen Trümmern und Hilfslieferungen

Auch außerhalb des Krankenhauses ist das Ausmaß der Zerstörung enorm. Nach Angaben der Stadtverwaltung wurden in Roldanillo rund 300 Geschäfte zerstört. Mindestens 1.500 Menschen könnten dadurch ihre Arbeit verloren haben, sagt Luis Gerardo Castro Castañeda, der bei der Gemeinde für Kultur und Tourismus arbeitet.

Hilfe kommt zwar durchaus an, denn immer wieder fahren private Kolonnen mit Matratzen, Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern in die betroffenen Orte. Doch viele dieser Lieferungen sind spontan organisiert.

Und dann? «Was braucht Roldanillo? Arbeit!», sagt er. Häuser und Geschäfte müssten wieder aufgebaut werden – doch was geschehe mit den Menschen, die bis dahin kein Einkommen haben? Genau darin sieht Castro Castañeda die größere Herausforderung.

Dazu kommen die fehlenden Fachkräfte: Ingenieure, Architekten, Feuerwehrleute und Psychologen. Während in Cali eigene, umfangreiche Strukturen für Rettung und Betreuung mobilisiert werden können, müssen die kleineren Gemeinden vielfach darauf hoffen, dass Spezialisten aus anderen Orten zu ihnen kommen.

«Diese Zeiten sind schrecklich»

Carlos Hugo Heraldo Serna räumt in Roldanillo selbst Trümmer weg und hilft Nachbarn bei der Reparatur ihrer Häuser. Dächer werden notdürftig repariert, bewohnbare Gebäude wieder hergerichtet. Unterstützung sei zwar lokal vorhanden, aber sie reiche nicht. «Diese Zeiten sind schrecklich», sagt er.

Auch Laura Libreros hat ihren Arbeitsplatz verloren. Ihr Make-up-Geschäft ist völlig beschädigt. Sie sei zwar dankbar, das Beben überlebt zu haben. Gleichzeitig herrschten Trauer und Verzweiflung: über die zerstörte Existenz, die investierte Zeit und die Menschen, die nun ohne Arbeit dastehen. «Hier sind viele Träume zerplatzt», sagt sie.

Einige Kilometer weiter, in Toro, ist die Zerstörung noch unmittelbarer. José Omar Duque hat sein Haus verloren. Schlafen kann er dort nicht mehr. Stattdessen liegt er nachts in einer Abstellkammer nebenan. «Hier habe ich Angst», sagt er.

Duque hat die Zerstörung mit eigenen Augen gesehen. Als das Beben kam, stand er vor seinem Haus. Innerhalb weniger Sekunden stürzten Gebäude ein. Er selbst fiel zu Boden. Später habe er geweint, erzählt er. Das Haus war der Ort, an dem er seine drei Kinder großgezogen hatte.

Auch in Toro kommt Hilfe an – größtenteils auf private Initiative oder aus den umliegenden Gemeinden. María Rocío Bedoya etwa kocht seit Tagen für die Gemeinschaft. Suppe, Reis, aber auch Kaffee und Brot – was gerade gebraucht wird. Das Gas dafür hat sie teilweise aus eigener Tasche bezahlt. Menschen bringen Lebensmittel und andere Dinge vorbei, andere kommen zum Essen.

Es ist diese Solidarität, die die kleineren Orte nach dem Beben durch die ersten Tage trägt. Doch für den Wiederaufbau braucht es mehr als spontane Hilfslieferungen: Häuser müssen repariert, Geschäfte wiedereröffnet, Krankenhäuser instand gesetzt und Arbeitsplätze geschaffen werden. Gerade für die kleinen Gemeinden dürfte sich damit erst in den kommenden Wochen zeigen, wie viel Unterstützung tatsächlich bei ihnen ankommt.

© dpa-infocom, dpa:260815-930-533449/1

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