Hamburg (dpa/tmn) – Hier gibt es keine halben Sachen: Der Boden reißt auf, ganze Städte werden ausgelöscht – oder sogar fast alle Bewohner des Planeten Sera. So kennt man die bisherigen Teile der Science-Fiction-Serie «Gears of War». Doch nun kehrt das neue «Gears of War: E-Day» zu dem Tag zurück, an dem alles begann.
Der Third-Person-Shooter ist 14 Jahre vor dem allerersten «Gears of War»-Teil («Aspho Fields») angesiedelt und wurde mit der Unreal Engine 5 entwickelt. Es ist ein Prequel und eine Ursprungsgeschichte im doppelten Sinne: über den Beginn des Krieges zwischen den Bewohnern von Sera mit den im Untergrund lebenden Locust-Kreaturen und über den Beginn der „Brothers to the end“-Freundschaft zwischen den Protagonisten Marcus Fenix und Dominic Santiago (Dom).
Ein kurzer Blick auf den Tag, bevor alles begann
Der Plot von «E-Day»: Zum ersten Mal seit fast 80 Jahren herrscht auf Sera Frieden. Die Pendulum Wars sind vorbei, Marcus und Dom sind junge Veteranen und fragen sich, was Soldaten in einer Welt ohne Krieg überhaupt machen sollen. Freunde sind sie da noch nicht.
Was sie verbindet, ist Carlos Santiago, Doms älterer Bruder und Marcus' bester Freund, der kurz vor Kriegsende umkam. Alles beginnt mit einer Gedenkfeier für Carlos. Marcus und Dom müssen als Veteranen ihr Leben neu ordnen. Diesen Teil haben die bisherigen Spiele nie gezeigt – und es ist die einzige Gelegenheit für Fans, einen kurzen Eindruck vom Frieden zu bekommen.
Eine Stadt unter Belagerung – aber von unten
Zurück zum E-Day, dieser planetenweiten Urkatastrophe der «Gears of War»-Reihe: Hier kann man sie nun selbst erleben. Als der Boden der Stadt Kalona an unzähligen Stellen aufreißt, heißt es für Marcus und Dom: selbst überleben und andere retten – ohne überhaupt zu wissen, was die Stadt eigentlich getroffen hat. Man erlebt das große Geschehen aus der eher erdnahen Sicht des Einzelnen.
Aus einer zusammengewürfelten Truppe wird die Bravo-Einheit. Während sich Wellen eines damals noch unbekannten Feindes (die Locusts) nach oben graben, müssen sie sich anpassen, lernen, ihre Gegner zu bezwingen – und trotzdem dabei Menschen in Not zu retten.
Eine Reihe von Gesichtern – vertraut und doch unbekannt
Das Spiel nutzt hier die seltene Gelegenheit, bekannte Figuren wie Marcus Fenix – das unumstrittene Gesicht von «Gears of War» – neu zu erfinden. Marcus ist noch nicht der Rebell aus dem ersten Teil: Er wartet auf Befehle. Doch lässt man ihm ein Schlupfloch, tut er, was er für richtig hält. Dom hat Frau und Familie in der Metropole Ephyra, was seinen Überlebenskampf noch persönlicher macht. Er klammert sich an die Hoffnung, dass keine Nachricht eine gute Nachricht sein könnte.
Zur Bravo-Eineheit gehören auch Mags Carter und Lucas Reyes. Mags ist eine ehemalige Gear und Veteranin der Pendulum Wars aus Kalona. Eine oder ein Gear ist die Bezeichnung für eine Soldatin oder einen Soldaten der COG, der Militär- und Regierungsorganisation von Sera. Lucas ist ein junger Kadett und Funkoffizier, der schon immer an die Front wollte. Ob alte oder neue Gesichter: Die Bravo-Einheit wird bei jeder Gelegenheit gefordert.
Drei Tage: von Panik über Überleben bis zum Krieg
Die Kampagne umfasst etwa drei Tage. Die erste Nacht ist von Verwirrung geprägt: Der Boden öffnet sich, besonders aggressive, kleine Locust-Kreaturen, die sogenannten Feral Wretches, strömen heraus, und niemand begreift, dass ein Krieg begonnen hat. Unvorbereitet und schlecht ausgerüstet versuchen die Gears zu retten, was zu retten ist. Der erste Akt und ein Großteil des zweiten erzählen von Schrecken und Verlust, die eine Truppe treffen, die sich auf Frieden eingestellt hatte – und das geht unter die Haut.
Am zweiten Tag wird das Rathaus von Kalona zu einem behelfsmäßigen COG-Stützpunkt, halb Lazarett, halb Kommandozentrale. In Abschnitten, die an Survival-Horror erinnern, erkennt die Bravo-Einheit, womit sie es wirklich zu tun hat: Es handelt sich nicht um einen Befall von garstigen Viechern, sondern um eine Armee aus dem Untergrund. Komplett mit Soldaten, Waffen, Fahrzeugen, schweren Einheiten und einer Befehlskette.
Angeführt werden die Locust von Vraahk, der mit nur einem Ziel an die Oberfläche kommt: die menschenähnlichen Bewohner von Sera auszulöschen. Seine stachelige, verstümmelte, gnadenlose Scorched Legion und gepanzerte Brumaks tragen diese Brutalität aufs Schlachtfeld, selbst wenn Vraakh nirgends zu sehen ist.
Am dritten Tag wechselt das Spiel vom Überleben zum Gegenschlag. Es ist der erste Schlag in einem Krieg, der mehr als ein Jahrzehnt soll.
Kalona ist wunderschön – wird nur von der Bildrate ausgebremst
«E-Day» steckt voller eindrucksvoller Schauplätze: die zerstörte Innenstadt von Kalona, die stockdunklen Höhlen, die die Locust darunter gegraben haben, eine unheimliche Raffinerie, friedliche Berggipfel außerhalb der Stadt. Ein Großteil der Kampagne spielt in Kalona, und die großen, aber dichten Kampfareale sind ein klarer Fortschritt gegenüber den leeren offenen Gebieten aus «Gears 5». Die Freiheit fühlt sich natürlich an, weil es fast hinter jeder Ecke etwas zu entdecken gibt.
Nebenziele bringen sinnvolle Upgrades für die Waffen-Modifikationen, und versteckte Gegenstände geben einer Welt Tiefe, die gerade erst fast 80 Jahre Krieg hinter sich hatte – nur um dann binnen weniger Tage von den Locust zerstört zu werden.
Getrübt wird die Optik nur von gelegentlichen, aber spürbaren Einbrüchen der Bildrate, selbst im Leistungsmodus auf der Xbox Series X. Den Qualitätsmodus mit 30 Bildern pro Sekunde wird man deshalb wahrscheinlich erst nach ein, zwei Patches empfehlen können.
Deckung bleibt Trumpf – aber jetzt kann man darüber springen
Beim Handling wurde stark Hand angelegt: Man kann springen, über Hindernisse setzen, rutschen und flankieren, dazu kommen mehr vertikale Wege und neue Deckungshöhen. Active Reload kehrt zurück und der berühmte Lancer ein Mix aus Schnellfeuerwaffe mit Kettensäge wird hier aus der Taufe gehoben.
Zudem lassen sich zahlreiche Locust-Waffen aufsammeln, Supply Caches füllen Munition auf. Außerdem erlauben sie den Wechsel der Ausrüstung und das Anbringen von Waffen-Modifikationen – von zusätzlichem Schaden bis zu veränderten Kettensägen-Kills. Ja, hier geht es blutig zu.
In langen Gefechten verschafft das den entscheidenden Vorteil. Tactical Gear ergänzt wiederaufladbare Hilfsmittel: Health Injectors, die die Abwehr stärken, und Adrenalin, mit dem man die grotesken Kämpfe übersteht, wenn sie zu kippen drohen.
Fazit: Beste Shooter-Kampagne seit langem
«Gears of War: E-Day» ist ein langes Game: Mit 20 Stunden ist es das vielleicht beste Stück, das die Reihe ihren Fans je geboten hat. Kontinuierlich halten kann «E-Day» diesen Spannungsbogen nicht. Doch das Spiel findet immer wieder ins richtige Tempo zurück.
Und ohne zu viel zu verraten: Auch das Ende überzeugt – selbst wenn ohnehin jeder weiß, dass Marcus und Dom überleben. Allein Marcus' trockener Spruch „Thought you wanted more“ am Ende ist Grund genug, mehr von dieser Kampagne zu wollen. Wer will, testet sein Können einfach auf höheren Schwierigkeitsgraden, bis der Mehrspielermodus zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht wird – was noch mehr Adrenalin verspricht.
«Gears of War: E-Day» erscheint am 6. Oktober für Xbox Series X|S und PC und kostet rund 70 Euro. Das Spiel hat selbstverständlich keine Jugendfreigabe (USK 18).
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