Mainz/Ahrensburg (dpa/tmn) – Mia oder Mathilde, Fritz oder Ferdinand? Der Vorname ist so ziemlich die erste große Entscheidung, die Eltern für ihr Kind treffen, noch bevor es auf der Welt ist. Manche haben ihren Favoriten schon vor der ersten Ultraschalluntersuchung im Kopf, andere sind noch im Kreißsaal unentschlossen, weil sie das Kind erst einmal sehen möchten. Schließlich geht es um viel, nämlich um einen Namen, der ein Leben lang trägt.
Warum welcher Name am Ende den Zuschlag erhält, ist wissenschaftlich kaum erforscht. «Der Prozess zieht sich meist über Monate hin, und was tatsächlich den Ausschlag gab, können Eltern oft gar nicht benennen», sagt Damaris Nübling, Namensforscherin an der Universität Mainz.
Generelle Trends hingegen lassen sich durchaus ablesen: «Wohlklang spielt bei der Namenswahl aktuell eine große Rolle», beobachtet die Sprachwissenschaftlerin. Abzulesen ist das an den aktuellen Spitzenreitern auf der Liste der beliebtesten Vornamen des Jahres 2025, die von der Gesellschaft für deutsche Sprache erstellt wurde: Sophia, Emma, Emilia, Noah, Mattheo und Theo sind mit ihren Vokalen und stimmhaften Konsonanten sehr klangvoll.
Kurz, viele Vokale: Namen gleichen sich strukturell an
Und noch etwas falle auf, sagt Nübling: «Jungen- und Mädchennamen werden sich strukturell immer ähnlicher.» Die beliebtesten Vornamen bei beiden Geschlechtern sind kurz, mit vielen, oft direkt aufeinanderfolgenden Vokalen und auch bei den Jungen mittlerweile gern mit einem «a» am Ende, wie bei Noah, Luca oder Mika.
Die Bedeutung eines Namens spiele bei der Namenswahl dagegen nur eine untergeordnete Rolle, sagt Nübling, ebenso religiöse Motive oder der Wunsch, sein Kind nach Vater, Großmutter oder der Lieblingstante zu benennen – «das ist allenfalls bei den Zweitnamen zu beobachten».
Dass ein Name innerhalb weniger Jahre an die Ranglisten-Spitze schießt, ist selten, sagt Knud Bielefeld aus dem schleswig-holsteinischen Ahrensburg. Er beschäftigt sich aus privater Passion – «vielleicht, weil mein eigener Vorname eher selten ist» – seit Ende der 1990er Jahre mit Vornamen. Entstanden ist daraus die Webseite beliebte-vornamen.de, mit Namenshitlisten seit 1890, mit Informationen zu Herkunft und Bedeutung und mit Tipps zur Namensfindung.
Ehe bei neuen Namen der Funke zündet, vergehen Jahrzehnte
Genutzt würden die Listen auf zweierlei Weise, sagt Bielefeld: «Manche Eltern wollen die aktuellen Favoriten unbedingt vermeiden. Andere setzen ganz bewusst auf die etablierten Namen.» Bis ein Name ganz oben in der Liste steht, vergingen oft Jahrzehnte. «Jedes Jahr kommen Tausende neuer Namen auf, bei einigen zündet der Funke, sie werden aufgegriffen, sprechen sich herum und werden immer häufiger vergeben – aber das dauert.»
Auch Namenscomebacks folgten einem Muster. Die Namen der Eltern- und Großelterngeneration werden gemieden, so Bielefelds Beobachtung: Zu viele konkrete Personen, zu viele Erinnerungen sind damit verknüpft. Die Namen der Urgroßelterngeneration aber, aus der kaum noch jemand lebt, sind wieder modern. Anton und Oskar, Frieda und Clara gehörten laut den Auswertungen von Bielefeld sowohl 1925 als auch 2025 zu den beliebtesten Vornamen.
Martha ist in, Bertha oder Hertha dagegen nicht
Werden in der nächsten Generation auch Horst und Gerhard, Renate und Helga zurückkehren? «Wetten würde ich darauf nicht», sagt Bielefeld. «Manche Namen entwickeln sich völlig unterschiedlich, obwohl sie ähnlich sind: Martha ist heute sehr populär, Bertha oder Hertha dagegen nicht. Warum genau, lässt sich nicht sagen.»
Doch welchen Namen soll man nun nehmen für sein Kind? Ein Patentrezept gibt es nicht, aber ein paar Fragen, die auf dem Weg zur Entscheidung nützlich sein können.
Lieber ein häufiger oder ein seltener Name?
Vor den Top-Ten-Namen schrecken viele Eltern zurück aus Sorge, dass ihr Kind dann genauso heißt wie die Hälfte der Kita-Gruppe oder Schulklasse. Doch das Risiko ist überschaubar. «Noch nie gab es so viele unterschiedliche Vornamen wie heute», sagt Namensforscherin Nübling: «Die Beliebtheitslisten decken einen viel kleineren Teil einer Kohorte ab als früher.»
Selbst der aktuelle Spitzenreiter Sophia kommt laut der Gesellschaft für deutsche Sprache nur auf einen Anteil von rund 1,3 Prozent aller vergebenen Mädchennamen des Jahrgangs 2025. Zu Zeiten von Sabine, Petra oder Stefanie waren es an der Spitze deutlich mehr. Ein weit verbreiteter Name hat den Vorteil, dass er sofort erkannt und selten erklärt werden muss.
Ein seltener Name wirkt individuell und besonders, muss aber häufiger buchstabiert werden. Und was Eltern besonders finden, kann für das Kind später auch einfach nur nervig sein.
Welche Schreibweise soll es sein?
Manche Namen existieren in diversen Varianten, als Janik, Yannick oder Jannic zum Beispiel. Eine ungewöhnliche Schreibweise zu wählen, ist eine Möglichkeit, einem häufigen Namen einen individuellen Touch zu verleihen. «Man möchte dazugehören, aber auch Individualität zeigen», sagt Nübling. «Wohldosierte Diskrepanz» heißt dieses Phänomen. Wer sich dafür entscheidet, sollte nur bedenken, dass das Kind diese Variante möglicherweise ein Leben lang buchstabieren muss, auf Ämtern, im Job, bei jeder Anmeldung.
Passt der Vorname zum Nachnamen?
Klingt selbstverständlich, wird aber gern übersehen. Es lohnt sich, die Kombination ein paar Mal laut vorzusprechen. Ergeben sich unfreiwillige Reime oder Wortkombinationen, die sich nicht mehr abschütteln lassen? Wie wirkt die Kombination unter einer E-Mail oder auf einer Visitenkarte? Und wenn es um Unverwechselbarkeit geht, sollte man zu einem häufigen Nachnamen wie Schmidt oder Müller nicht unbedingt einen Vornamen wählen, der gerade ganz oben in der Hitliste steht, gibt Knud Bielefeld zu bedenken: «Dann kann ein etwas ungewöhnlicherer Vorname sinnvoll sein.»
Die Suche nach dem passenden Vornamen ist also alles andere als trivial. «Es ist vollkommen gerechtfertigt, dass sich Eltern dafür viel Zeit nehmen», sagt Nübling. Die Garantie, dass ihr Kind mit dem Ergebnis glücklich ist, gibt es trotzdem nicht: Die allermeisten Eltern hätten, sagt Nübling, den Eindruck, dass ihre Kinder mit dem gewählten Namen zufrieden sind.
Das sehen die Töchter und Söhne möglicherweise anders. Fragt Nübling Studierende in ihren Seminaren, ob sie ihren Vornamen gern wechseln würden, «meldet sich regelmäßig gut ein Drittel der Gruppe».
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