Berlin (dpa/tmn) – Ein kurzer, unbemerkter Moment reicht: Das Kind zieht sich am Herd hoch, greift nach einer Knopfzelle oder klettert auf ein Regal. Nicht auf der Straße oder auf dem Spielplatz, sondern in den eigenen vier Wänden passieren die meisten Kinderunfälle, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). In Deutschland müssen demnach jedes Jahr rund zwei Millionen Kinder nach einem Unfall ärztlich behandelt werden.
Laut einer aktuellen Umfrage wissen nur 34 Prozent der Eltern von Kindern unter 13 Jahren, dass das Zuhause der häufigste Unfallort ist. 65 Prozent geben ihrem Zuhause die Schulnote 1 oder 2 in Sachen Sicherheit.
Dabei zeigt sich: Viele Risiken sind Eltern bewusst, aber Schutzmaßnahmen werden nicht immer umgesetzt. «Fast die Hälfte der Eltern sieht Verbrennungen am Herd als relevantes Risiko, aber nur 29 Prozent haben einen Herdschutz installiert», berichtet Anja Käfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des GDV.
Ein weiteres Ergebnis: 60 Prozent sehen ein Sturzrisiko durch Treppen oder kippende Möbel, aber nur 33 Prozent haben große Möbel kippsicher befestigt, wie die Umfrage zeigt, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag des GDV vom 20. bis 26. Mai 2026 durchgeführt hat. Befragt wurden 1.027 Eltern, darunter 800 Eltern mit Kindern unter 13 Jahren. Anlass ist der Kindersicherheitstag, der jedes Jahr am 10. Juni ist.
Die Umfrage zeigt: In vielen Familienhaushalten besteht Handlungsbedarf beim Thema Sicherheit für die Kinder. Wo also anfangen?
Mit Kinderaugen durch die Wohnung gehen
Eltern sollten ihr Zuhause zunächst mit Kinderaugen betrachten, rät Prof. Stefanie Märzheuser. Sie ist Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) «Mehr Sicherheit für Kinder» und Direktorin der Klinik für Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Rostock.
Also einmal durch Wohnung oder Haus gehen und fragen: Was könnte mein Kind spannend finden? Und was davon könnte gefährlich werden? Besonders die klassischen Gefahrenstellen sollten Eltern dabei prüfen: Küche, Treppe, Möbel, Fenster.
Fenster sichern gerade im Sommer «so wichtig»
Das gilt besonders, wenn kleine Kinder im Haushalt leben. Laut Märzheuser haben Kinder von null bis vier Jahren noch kein eigenes Gefahrenbewusstsein. «Ein vierjähriges Kind, das aus einem Fenster schaut, kann die Höhe nicht als bedrohlich wahrnehmen, weil das Tiefenschärfe-Sehen dieses Kindes noch nicht so ausgebildet ist, dass es Angst bekommt», erklärt die Kinderchirurgin. Dann könne es passieren, dass das Kind aus dem Fenster fällt. Ihr Appell: «Gerade im Sommer ist es so wichtig, die Fenster zu sichern.»
Der Sturzunfall sei der häufigste Unfall überhaupt in der Altersgruppe vom Baby- bis zum Teenageralter, so Märzheuser weiter, «und diese Sturzunfälle lassen sich auch in vielen Fällen vorausschauend vermeiden».
Wissen, was im Notfall zu tun ist
Eltern sollten auch über Erste Hilfe und Notfallmaßnahmen Bescheid wissen und handeln können. In gewissen Maß gilt das ebenso für die Kinder.
Hier ist noch viel Luft nach oben, wie die Umfrage zeigt. Dort wurde gefragt: «Weiß Ihr Kind, was es im Notfall tun soll – z. B. wen es anrufen oder wie es den Notruf erreichen kann?». Nur 37 Prozent wählten darauf die Antwort: «Ja, wir haben das konkret besprochen und geübt.» Knapp ein Drittel (32 Prozent) gab an: «Ja, ich glaube schon, aber wir haben es nicht explizit geübt». Der Rest verneinte, wusste es nicht oder gab an, das Kind sei noch zu jung dafür.
Dabei hilft im Ernstfall «kein Hoffen, sondern nur das, was sitzt», so Anja Käfer-Rohrbach. Daher sollte das Absetzen eines Notrufs nicht nur im Kindergarten Thema sein, sondern auch in der Familie.
«Wenn wir mit den Kindern üben, können sie auch lernen, einen Notruf abzusetzen», so Stefanie Märzheuser. Es gebe immer wieder Beispiele, wo Kinder ihre Eltern oder auch Geschwisterkinder gerettet haben. Auch «simple» Maßnahmen, wie im Notfall einfach laut zu rufen: «Hilfe, hier ist was passiert!» seien wichtig: Bei Ertrinkungsunfällen zum Beispiel habe man so unglaublich wenig Zeit, betont die Expertin.
Etwa 60 Prozent der Unfälle seien laut Märzheuser durch vorausschauendes Denken zu verhindern. «Häufig, wenn Eltern in die Rettungsstelle kommen, dann sagen die: Bei uns passierte das Unvermeidbare. Ich habe eine Sekunde lang nicht aufgepasst.» Es seien immer wieder die gleichen Unfallszenarien, etwa der Sturz vom Wickeltisch: «Das ist ein Unfall, der muss nicht passieren. Und er ist für die Eltern nahezu genauso furchtbar für das Kind.»
Kurzer Check im Netz bringt mehr Sicherheit
«Die größte Lücke liegt eben nicht im Wissen, sondern im Handeln», sagt Käfer-Rohrbach vom GDV. Wer unsicher ist, was er wie verbessern sollte, kann den Kinderunfall-Check der BAG «Mehr Sicherheit für Kinder» und des GDV nutzen. Der ist kostenlos, dauert laut GDV weniger als fünf Minuten und führt je nach Alter des Kindes und Alltagssituation durch maximal zwölf Fragen. Am Ende bekommen Eltern eine persönliche Auswertung: Was läuft schon gut? Wo gibt es Handlungsbedarf? Und was lässt sich konkret tun?
Außerdem hat die BAG «Mehr Sicherheit für Kinder» auf ihrer Webseite einen Ratgeber mit weiteren Sicherheitstipps je nach Alter, Jahreszeit und Situation zusammengestellt.
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