Frankfurt/Main (dpa) - Der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Er ist Professor in London und arbeitet als Menschenrechtsanwalt am Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels würdigt den 66-Jährigen als engagierten Humanisten, «der trotz wachsender Widerstände unermüdlich für Menschenrechte eintritt und um Gerechtigkeit und Verständigung ringt», wie es in der Begründung des Stiftungsrats heißt.
Sands setze sich «für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts ein», sagte Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz, der Vorsitzende des Stiftungsrats, bei der Bekanntgabe in Frankfurt. «Der Nachkomme von Holocaustüberlebenden zeigt entlang der eigenen Familiengeschichte, wie dieses Recht entstanden ist und welche Erfahrungen hinter den Tatbeständen "Genozid" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" stehen.»
25.000 Euro Preisgeld
Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert. Gewürdigt werden damit Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Einer der prominentesten Preisträger der vergangenen Jahre war der Schriftsteller Salman Rushdie.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels - die Berufsorganisation der Verlage und Buchhandlungen - vergibt den Preis seit 1950. Die Ehrung wird traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse überreicht - in diesem Jahr am 11. Oktober.
Arbeit am Internationalen Strafgerichtshof
Sands wurde 1960 in London geboren, wo er mit seiner Frau und drei Kindern lebt. Nach der Verkündung in Frankfurt war der künftige Friedenspreisträger zunächst nicht erreichbar.
Er ist Professor für Internationales Recht am University College London sowie Gastprofessor an der Harvard Law School. Er arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und wirkte an bedeutenden Verfahren des internationalen Rechts mit. Dabei setzte er sich unter anderem für Palästinenser und Rohingya ein.
Laut Börsenverein trat Sands in mehr als zwei Dutzend Fällen vor dem Internationalen Gerichtshof auf - unter anderem für die Solomon Islands über die Bedrohung durch Nuklearwaffen oder für Georgien im Rechtsstreit mit Russland im Südossetien-Konflikts. Er engagiert sich auch für die Errichtung des Sondertribunals zu Verbrechen Russlands im Ukrainekrieg.
Was ist ein «Ökozid»?
Mit anderen Juristen entwickelte Sands den Tatbestand des «Ökozid». Gemeint sind Handlungen, die mit dem Wissen begangen werden, dass weitreichende und langfristige Schäden für die Umwelt entstehen können. Beispiele sind die Zerstörung von Regenwald oder Ölverschmutzung.
Recherchen der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen zufolge haben vierzehn Länder diesen Tatbestand bereits unter Strafe gestellt. Das Bestreben, «Ökozid» als Straftatbestand beim Internationalen Gerichtshof zu verankern, geht laut Börsenverein auf seine Initiative zurück.
Nazi-Verbrechen und Militärdiktatur
Neben juristischer Fachliteratur schreibt Philippe Sands auch literarische Sachbücher. Seine Herangehensweise liege «jenseits der üblichen Grenzen zwischen Sachbuch, literarischer Erzählung und Reportage», so der Stiftungsrat: Er verbinde persönliche Lebensgeschichten mit den großen Fragen des Völkerrechts.
In «Rückkehr nach Lemberg» (2018) und «Die Rattenlinie» (2020) schreibt er gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen an. Zwei Strafverfahren, an denen er am Internationalen Gerichtshof beteiligt war, bilden die Grundlage für «Die letzte Kolonie» (2023) und «Die Verschwundenen von Londres 38» (2025). Im Ersten geht es um ein Archipel, dessen Bewohner gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, damit dort ein US-Militärstützpunkt entstehen kann. Das Zweite thematisiert das Verfahren gegen den chilenischen Diktator Augusto Pinochet.
Motive der Täter und Leid der Opfer im Blick
In seinem literarischen Werk blicke Philippe Sands «sowohl auf die Motive der Täter als auch auf das Leid und die Leben der Opfer», sagte Börsenvereins-Vorsteher Guggolz. «Durch seine abgewogene und immer empathische Darstellung erhalten sie eine Stimme und erfahren Respekt.» In seiner juristischen Tätigkeit verteidige er die Opfer von Kriegsverbrechen und Rassismus, Folter und kolonialem Unrecht.
Philippe Sands sei «eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen unserer Zeit», führte Guggolz aus. «Er ist engagierter Autor und Humanist, der trotz wachsender Widerstände unermüdlich für Menschenrechte eintritt und um Gerechtigkeit und Verständigung ringt.»
Von Albert Schweitzer bis Jürgen Habermas
Der Friedenspreis ist eine der traditionsreichsten Ehrungen, die in Deutschland vergeben werden. Einer der ersten Preisträger war der Arzt Albert Schweitzer. Oft wurden Schriftsteller ausgezeichnet wie in frühen Jahren Hermann Hesse oder Astrid Lindgren, in jüngeren Jahren Margaret Atwood oder Navid Kermani.
Die Jury entschied sich aber auch oft für Politiker wie Vaclav Havel, Künstler wie den Fotografen Sebastião Salgado oder Philosophen wie den in diesem Jahr verstorbenen Jürgen Habermas. Häufig wird politisches Engagement gewürdigt wie bei der weißrussischen Aktivistin Swetlana Alexijewitsch.
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