Köln/Düsseldorf (dpa) – Fernsehen war früher bisweilen einfacher: Zwei Menschen, zwei große Wattestäbchen – und dann gab's auf die Mütze. «American Gladiators» hieß die Show, die man heute guten Gewissens Design-Studenten im Seminar «So sahen die 90er aus» vorführen könnte. Lange galt sie als Relikt aus einer lauteren, grelleren TV-Ära. Das ändert sich nun.
Der Amazon-Streamingdienst Prime Video und RTL haben sich zusammengetan, um «Gladiators – Die Show der Giganten» auf die Bildschirme zu bringen. Sie ist jetzt bei Prime Video zu sehen (Streamingstart 6. August) und vom 4. September an bei RTL.
Man braucht nicht viel Fantasie, um eine Erblinie zu den Muskelbergen in bunter Badekleidung aus «American Gladiators» zu ziehen, die von 1992 bis 1994 bereits bei RTL zu sehen waren. Aber womöglich erzählt die Rückkehr der Show mehr über das Jahr 2026 als über die 90er.
Das Prinzip: Einige kühne Kandidaten treten in Spielen gegeneinander und gegen ein Team aus Profi-Athleten an, den sogenannten Gladiatoren – meistens übermächtig wirkende Bodybuilder oder Kraftsportler. Die Gladiatoren tragen dabei angemessen breitbeinige Kampfnamen wie «Laser», «Giant», «Hammer» oder «Dynamite».
Schauplatz ist zwar nicht das Kolosseum von Rom, aber immerhin so etwas wie das Rom Nordrhein-Westfalens – Düsseldorf. In die dortige Messehalle passt viel Publikum. Prime Video verspricht «echtes Arena-Feeling». RTL spricht von einer «Game-Show, die eine von klassischen Gladiatorenkämpfen inspirierte Mischung» zeige.
Man kann das Revival der TV-Haudraufs als weiteren Ausläufer der Nostalgie-Welle im Fernsehen abtun. Man kann sich aber auch fragen, warum rohe Körperlichkeit offenbar ein vitaler Fernsehtrend ist.
RTL hat mit derlei Shows schon gute Erfahrungen gemacht. Vor einigen Wochen wurde eine Fortsetzung des Kletter-Spektakels «Ninja Warrior Germany» angekündigt – es wäre bereits die elfte Staffel. Und es gibt weitere Beispiele. Formate wie «7 vs. Wild» etwa machen den Kampf ums Überleben in der Wildnis zur Unterhaltung. Der Bildschirm wird zum Schauplatz echter, ungeschönter Physis. Zufällig wirkt das nicht.
Die Flucht ins Physische
Die These dazu: In einer Welt, in der wir zunehmend durch KI-generierte Bilderwelten scrollen, bekommt das Echte, vermeintlich Ungefilterte einen neuen Stellenwert. Während Maschinen Bilder erzeugen, Stimmen klonen und Texte schreiben, gewinnt das an Reiz, was sich nicht fälschen lässt: Schweiß, Überwindung und Muskelkraft.
Dazu passt die Beobachtung, dass auch Hobbys, für die man sich schinden muss, aktuell boomen – etwa der schweißtreibende Indoor-Wettkampf Hyrox. Extremsportler werden zunehmend Social-Media-Stars. Der Fernsehtrend scheint das widerzuspiegeln.
«Wir leben in einer Zeit, in der vieles digital, künstlich oder von Algorithmen geprägt ist. Hier sieht man Menschen, die mit ihrem Körper und Ehrgeiz etwas Außergewöhnliches leisten», sagt «Ninja Warrior Germany»-Moderator Jan Köppen. «Das kann keine Maschine übernehmen.» Denn das wecke Emotionen. «Ich denke auch, dass sich so der aktuelle Boom bei Ultraläufen oder Marathons erklären lässt», sagt Köppen.
Die Schönheit des Scheiterns
KI-Systeme suggerieren zugleich, dass sie fehlerfrei funktionieren. In der Realität ist das oft gar nicht der Fall, die Botschaft lautet dennoch: Ich bin maximal effizient. Das mag im Arbeitsalltag sehr nützlich sein, Perfektion ist beeindruckend – aber sie ist miserables Fernsehen. Der Reiz von Formaten wie «Gladiators» oder «Ninja Warrior Germany» liegt auch im möglichen Scheitern.
Wer im letzten Moment von einem Podest stürzt oder blöderweise um ein paar Millimeter am Ziel vorbeigreift, verpasst womöglich viel Preisgeld. Zugleich sorgt er aber dafür, dass es für das Publikum spannend bleibt. Die Fallhöhe ist in derlei Sendungen nicht nur eine Metapher – man kann sie sogar sehen.
Nostalgie in einem neuen Kontext
Das alte «American Gladiators» war aus heutiger Sicht eine Art Vermählung von Neonfarben, Dauerwellen und Eiweißshakes: buntes Popcorn-Fernsehen.
In Deutschland moderierte laut «Fernsehlexikon» (Reufsteck/Niggemeier) anfangs eine «witzig gemeinte Gummipuppe namens Joe Kutowski», die als Parodie auf Arnold Schwarzenegger gelesen werden konnte, die Wettkämpfe. Im Fernsehen gab es damals Ideen, die schon beim ersten Erzählen wie ein Fiebertraum wirken.
Damals war das Spektakel purer Eskapismus in eine Fantasie-Welt, die von futuristischen Kämpfern bevölkert wurde. Eskapismus ist es womöglich heute auch noch, aber in die andere Richtung – zurück in eine Zeit, in der Herausforderungen noch sichtbar, physisch und klar definiert erschienen. Zum Beispiel: Mensch gegen Gladiator. Und nicht abstrakt wie Mensch gegen Automatisierung oder Deepfake.
In einer Welt voller Algorithmen wirkt ein Muskelprotz plötzlich erstaunlich beruhigend.
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