Fürth (dpa/tmn) – Endlich zu den Großen gehören! Der Schulstart ist für Kinder eine aufregende Zeit. Doch dieser neue Lebensabschnitt ist auch mit Herausforderungen verbunden. Statt wie im Kindergarten nach Lust und Laune herumzuwuseln und Beschäftigungen abrupt zu beenden, weil man gerade Lust auf Neues hat, sind nun feste Strukturen angesagt. Ein Stundenplan, Stillsitzen, Zuhören und auch Abwarten sind an der Tagesordnung. Doch wie lernen Kinder, sich zu konzentrieren?
«Um sich zu konzentrieren, bei einer Sache zu bleiben und Impulse zu steuern, braucht es die Fähigkeit der Selbstregulation. Diese lässt sich gut mit einem Muskel vergleichen, der durch Training gestärkt werden kann», sagt Dana Mundt, Diplom-Sozialpädagogin und Koordinatorin bei der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) im Interview.
Frage: Stillsitzen, aufmerksam zuhören, sich nicht gleich ablenken lassen und auch abwarten können – muss mein Kind all das schon vor dem Schulstart können?
Dana Mundt: In der Elternberatung erleben wir häufig, dass Väter und Mütter genau wissen wollen, wie sie hier ihr Kind gut und liebevoll drauf vorbereiten können – ohne zu früh zu viel Druck zu machen. Die gute Nachricht: Selbstregulation ist keine Fähigkeit, die Kinder plötzlich zum Schulbeginn beherrschen müssen. Sie entwickelt sich über viele Jahre hinweg und wird vor allem im Alltag gelernt.
Eltern können schon früh anfangen, ihr Kind dabei zu unterstützen. Dazu aber eines vorweg: Jedes Kind ist anders und bringt dabei eigene Stärken, ein eigenes Temperament und auch sein ureigenes Entwicklungstempo mit. Was dem einen Kind, vielleicht sogar Geschwisterkind, leicht fällt, braucht beim anderen mehr Zeit und Übung, und geduldige Eltern.
Kinder lernen Konzentration, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz nicht einfach so oder durch bloße Erklärungen. Sie lernen vor allem durch gemachte Erfahrungen – in der Regel mit den wichtigsten Bezugspersonen. Und da kommt auch wieder die Vorbildrolle der Eltern ins Spiel. Denn Kinder beobachten genau, wie Erwachsene mit Stress, Ablenkung oder Wartezeiten umgehen.
Insofern: Wer als Elternteil selbst versucht, Konflikte respektvoll zu lösen oder etwa nach einer Unterbrechung wieder bei einer Aufgabe konzentriert weiterzumachen und eine Sache bis zum Ende durchzuziehen, lebt seinem Kind ganz nebenher wertvolle Fähigkeiten vor. Auch Werte wie Rücksichtnahme, Geduld oder Verlässlichkeit gucken sich Kinder ab.
Übrigens: Kinder lernen Zuhören am besten, wenn sie selbst erleben, wie es ist, aufmerksam gehört zu werden.
Frage: Hilft es, vermeintliche Schulsituationen schon vor Schulbeginn zu Hause zu «trainieren»?
Dana Mundt: Aus meiner Sicht ist der beste Weg, die nötigen Fähigkeiten spielerisch statt schulisch zu üben. Im Gespräch mit Eltern würde ich fragen: «Wann haben Sie in den letzten Wochen erlebt, dass ihr Kind sich besonders gut konzentrieren konnte? Was war in dieser Situation besonders oder anders? Und wie könnten Sie sozusagen mehr davon in ihren Alltag einbauen?»
Diese Beobachtungen sind sehr hilfreich. Denn viele Kinder haben in dem Alter noch eine relativ kurze Aufmerksamkeitsspanne, können kaum länger stillsitzen und haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Gerade bei Vorschulkindern ist das altersgerecht und völlig «normal».
Ich finde es wichtig, dass Kind da abzuholen, wo es gerade steht. Dabei helfen kleine Aufgaben, die man in noch kleinere, überschaubare Schritte unterteilt und gegebenenfalls Bewegungs- oder Entspannungsspiele dazwischen einbaut. Durch erfolgreiche Erfahrungen lernen Kinder sich am besten zu konzentrieren. Das sollte ohne Druck passieren, dafür mit klaren Strukturen und Empathie.
Dazu gehören feste Abläufe. Sie schaffen Vertrauen und geben Sicherheit – wie etwa die berühmte kleine Pause oder der Spielplatzbesuch als Ruheinsel nach dem Kita-Tag-Ende. Dabei kann man auch immer üben, Emotionen zu benennen. So können Eltern den Kindern helfen, ihre Gefühle zu erkennen, etwa: «Ich sehe, du bist wütend. Möchtest du erst mal durchatmen?»
Frage: Hätten Sie noch mehr praktische Tipps für «Nebenbei-Learnings»?
Dana Mundt: Ja, Eltern können Brett- oder Regelspiele nutzen wie «Memory», «Mensch ärgere dich nicht» oder Kinder-Monopoly – und auch mit Bewegungsspielen als Zwischeneinlagen zum Ausgleich kombinieren.
Mit «Stopptanz» etwa übt man früh die Geduld und das Abwarten, bis man dran ist, das Einhalten von Regeln und auch die Konzentration. Die Kinder müssen abwechselnd warten, aufmerksam zuhören. Ähnlich funktioniert das beim gemeinsamen Basteln oder Malen, Perlen auffädeln oder Tuschen.
Das schult nebenher noch die Feinmotorik und die Fähigkeit bei einer Sache zu bleiben. Dabei kann man Kinder auch gut bestärken, wenn etwas gut funktioniert und sich das Kind gut konzentriert hat. Der «Stopptanz» etwa
verbindet spielerisch Zuhören mit Action und Selbstkontrolle.
Auch Vorlesen stärkt die Fähigkeit aufmerksam zuzuhören. Gemeinsames Backen nach Rezept oder Basteln nach Bastelanleitung kann helfen, Arbeitsschritte nacheinander auszuführen. Kinder lernen besonders gut, wenn sie Freude haben und nicht direkt bewertet werden.
Was sind No-Gos beim Erlernen von Konzentrations-Fähigkeiten?
Dana Mundt: No-Gos sind ständige Ermahnungen wie «Setz dich bitte hin!» oder «Sei doch mal still und hör zu!». Das erhöht nur unnötig den Druck und kann in eine negative Spirale übergehen.
Ebenfalls ein No-Go ist, wenn Eltern nur auf die Defizite ihres Kindes achten. Auch viele parallele Reize im Hintergrund, wie ein laufender Fernseher, erschweren die Konzentration meist nur und können zu Überforderung führen.
Wer unsicher ist, kann sich kostenlos und anonym an die bke-Onlineberatung wenden. Oft hilft Eltern bereits ein Austausch darüber, welche Erwartungen realistisch sind und wie Kinder in ihrer individuellen Entwicklung begleitet werden können.
© dpa-infocom, dpa:260716-930-391946/1

