Fürth (dpa/tmn) – Man sitzt beim Elterngespräch in Kindergarten oder Schule und erfährt Sachen über sein Kind, bei denen man denkt: Ist hier wirklich gerade von meinem Kind die Rede?
Es soll angeblich freiwillig aufräumen, sei immer so hilfsbereit, macht gut mit und putzt nach dem Essen ohne Diskussionen die Zähne. Und wenn es raus zum Spielen geht, zieht es sich völlig selbstständig an und aus. Zu Hause schafft es das nie – oder nur, wenn man ernste Konsequenzen benennt.
Kommt Ihnen das Engelchen-Teufelchen-Phänomen bekannt vor? Diplom-Sozialpädagogin Dana Mundt kennt es aus Beratungsgesprächen. «Wenn mir Eltern davon berichten, zweifeln sie sehr an sich und hadern mit ihren erzieherischen Kompetenzen», sagt die Koordinatorin in der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke).
Häufig entsteht bei Müttern und Vätern der Eindruck, Erzieher oder Erzieherinnen seien souveräner im Umgang mit dem Kind oder, dass es sich in der Gruppe durch die Dynamik schlicht leichter einfügt.
Frau Mundt, wieso ist ein Kind daheim frech und hält sich nicht an Absprachen, aber bei Bekannten, in Schule oder Kita ist es ein Vorzeigekind? Haben wir als Mutter oder Vater versagt?
Dana Mundt: Nein. Zu Hause ist zu Hause! Und das ist für ein Kind der sicherste Ort, sein Hafen, sein Nest, wie man dies so schön versucht zu beschreiben. Hier darf es so sein und sich so zeigen, wie es sich fühlt. Und das ist genau richtig und ein gutes Zeichen: Denn es spricht in der Regel für eine gute Bindung. Es steckt also meist etwas Positives hinter diesem Verhalten. Zu Hause können Kinder ihren Gefühlen freien Lauf lassen.
Es ist nicht so, dass es den Erzieher oder die Erzieherin mehr mag und deshalb dort so lieb ist und alles mitmacht – und selbst das Zähneputzen ohne Diskussionen klappt.
Heben sich Kinder dann nur ihren Wutanfall für zu Hause auf?
Dana Mundt: Zu Hause fühlen sich die meisten Kinder sicher und gut aufgehoben – auch wenn ihre Emotionen mal überschwappen und sich in einem Wutanfall entladen. Das Kind weiß, dass die Eltern es auch lieben, wenn es sich mal wütend auf den Boden wirft.
Teilweise kommen die unterdrückten Gefühle vom Tage auch erst abends raus. Wenn es sehr viel Neues gab, es anstrengend war – fast wie nach einem langen Arbeitstag, was man ja von sich selbst kennt. Auf der Arbeit war man der Vorzeigekollege oder Musterkollegin, abends dann aber ist man müde vom Tag und vielleicht nicht mehr ganz so geduldig.
Als Eltern sieht man an dieser Stelle dann, im sicheren Hafen sozusagen, alle Emotionen des Kindes ungefiltert und das kann sehr nervenaufreibend und herausfordernd sein. Das lässt Eltern dann schon mal selbst an ihrer Erziehungskompetenz zweifeln.
Dabei zeigt es ein riesiges Vertrauen in die Eltern und Hauptbezugspersonen. Wo, wenn nicht bei seinen Eltern, darf man so sein, wie man ist und sich so zeigen, wie man es gerade fühlt? Bei den Eltern zeigt das Kind vieles, was es sonst nie bei anderen machen würde.
Was können Eltern unterstützend tun?
Dana Mundt: Neben Geduld und tiefem Durchatmen hilft es, freche Sprüche, Ausraster oder Wutanfälle nicht persönlich zu nehmen und an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Wenn es gelingt, darin ein positives Zeichen einer sicheren Bindung zu sehen, zeigt das: Ihr Kind fühlt sich bei ihnen so sicher, dass es alle Facetten zeigen darf und ganz es selbst sein kann.
Mein Tipp: Begleiten Sie ihr Kind früh sprachlich, besonders wenn Gefühle hochkochen oder bei einem Wutanfall regelrecht überschwappen. Benennen Sie, was gerade passiert, und sprechen Sie die Emotionen aus. So lernt ihr Kind nach und nach, seine Gefühle in Worte zu fassen und kann Frust, Enttäuschung oder Wut später ausdrücken, statt sie zu unterdrücken.
Was nach anstrengenden Kitatagen nie schadet, ist für einen Ausgleich zu sorgen – etwa ein langer Spaziergang oder Auspowern auf dem Spielplatz. Das tut nicht nur den Kindern gut, sondern hilft auch Ihnen, gelassener zu bleiben. Und wenn die Emotion trotzdem hochkommt und «rausmuss», ist es am wichtigsten, einfühlsam da zu sein, zuzuhören und ihr Kind zu begleiten. Das stärkt eine gesunde Bindung.
Wenn sich Eltern hier unsicher fühlen oder Fragen haben, können sie sich an die bke-Onlineberatung wenden. Wir sind anonym und kostenfrei für Sie da – ob schriftlich im Chat, Forum oder per Mailberatung, genau wie auch die Erziehungs- und Familienberatungsstellen vor Ort.
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