München (dpa) – Wen Manuel Neuer in seinem Fußball-Wohnzimmer ins Tor stellen würde, ist wahrlich keine Überraschung. «Ich hoffe natürlich, dass Jonas spielt. Ich drücke die Daumen», hatte Deutschlands Rekordtorhüter vor dem Länderspiel-Fenster zu einem DFB-Debüt von Jonas Urbig, seinem Torwart-Ziehsohn beim FC Bayern, ausgerechnet in München gesagt.
Jürgen Klopp scheint Neuer zu erhören. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass Urbig am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) in der Allianz Arena im Nations-League-Spiel gegen Serbien erstmals im Tor der Fußball-Nationalmannschaft stehen wird. Und damit die Zukunft im DFB-Tor beginnt.
Beim Abschlusstraining in Herzogenaurach war beim 23-Jährigen noch keine besondere Anspannung zu bemerken. Urbig hechtete ganz normal den Bällen hinterher – Business as usual. Wenige Stunden später sollte er neben Klopp zur Pressekonferenz im Münchner Stadion erscheinen. Ein klarer DFB-Hinweis auf einen Einsatz. Marc-André ter Stegen hatte vor seinem 45. Länderspiel beim 1:1 gegen die Niederlande in Amsterdam ebenfalls am Vorabend auf dem Podium gesessen.
Dass im dritten Klopp-Spiel ein Debütant im Tor stehen würde, war klar. Denn neben Urbig haben auch der Augsburger Finn Dahmen (28) und Noah Atubolu (24) von Eintracht Frankfurt noch kein A-Länderspiel bestritten.
Fünf Torhüter hatte Klopp in seine zwei Kader berufen. Auch auf dieser Position führt er eine große Sichtung durch. Ter Stegen (34 Jahre/45 Länderspiele), «für den Moment» Klopps Nummer eins, spielte gegen die Niederlande. Alexander Nübel (28/4) war beim 0:1-Flop gegen Griechenland an der Reihe.
Wer steht bei der EM 2028 im Tor?
Hat Deutschland etwa ein Torhüterproblem? Nein, sagt Klopp. «Ganz ehrlich, das haben wir gar nicht.» Ein Titelgewinn in der Zukunft werde sicher nicht an den Torleuten scheitern, äußerte Klopp voller Überzeugung.
Wer wird bei der Europameisterschaft 2028 im Tor stehen? Um diese Langzeitfrage geht es. Eine finale Antwort dürfte es erst im Verlauf der EM-Saison 2027/28 geben. Viele tippen aber schon jetzt auf den Jüngsten, auf Jonas Urbig. Ihn sieht auch sein Vereinstrainer auf Sicht fest im DFB-Tor.
Kompanys klare Nummer-eins-Prognose
«Wenn einer glaubt, dass Jonas nicht irgendwann die Nummer eins von Deutschland wird, glaube ich, dass er einen großen Fehler macht. Der Junge wird irgendwann die Nummer eins sein», sagte Vincent Kompany. Nur beim Zeitpunkt blieb der Bayern-Trainer zurückhaltend. «Das wird natürlich Jürgen Klopp entscheiden, wann das ist, ob das jetzt in einem oder fünf Jahren ist.»
Urbig war schon im Sommer bei der WM in Amerika dabei, wenn auch nur als Trainingstorwart. Für ihn war das wertvoll. «Es war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Ich konnte Turnierluft schnuppern und sehr viel lernen.»
Seit seinem Wechsel vom 1. FC Köln zum FC Bayern Anfang 2025 kann Urbig vom Besten überhaupt lernen: Manuel Neuer. Sogar ter Stegen bezeichnet das als ideal an für seinen jungen Konkurrenten. «Besser lernen als neben Manu ist sehr schwierig. Dementsprechend ist er in einer tollen Situation. Er hat noch nicht den maximalen Druck, kann sich aber gut entwickeln.»
Urbig über Lehrmeister Neuer: Manu ist eine Ikone
Der 40-jährige Neuer und der 17 Jahre jüngere Urbig bilden in München ein ideales Team. Neuer akzeptiert es in seiner wohl letzten Saison klaglos, immer wieder Spiele an Urbig abzutreten. Der wiederum verblüfft damit, dass er auch ohne ständigen Spielrhythmus top performt, wenn er ran darf. Urbig schwärmt von seinem Lehrmeister. «Manu ist natürlich eine Ikone. Man schaut zu ihm auf. Aber was ich schnell gemerkt habe: Er schaut nicht von oben herab. Manu begegnet einem immer auf Augenhöhe. Wir hatten schnell einen guten Draht.»
Als «befreundete Konkurrenten» beschreibt Urbig ihr Verhältnis. Dabei fällt auf, dass der Jüngere Verhaltensmuster des Älteren auf dem Platz und auch daneben kopiert. Urbig wirkt bisweilen wie ein Neuer-Clon. Bei der WM in Amerika tauchten sie auch neben dem Platz meistens als Doppel auf.
«Als ich gesehen habe, mit welcher Detailversessenheit ein Manuel Neuer immer noch an sich arbeitet, da wusste ich gleich, was hier der Maßstab ist», erzählte Urbig einmal im Vereinsmagazin. Kompany wiederum hat Urbig als «Kampfschwein» bezeichnet. Gemeint war dessen Ehrgeiz.
Urbig bestätigt das. Und zwar mit einem Satz, der auch von Neuer stammen könnte. «Ich hasse es, Gegentore zu bekommen. Und ich hasse es, zu verlieren. Auch im Training will ich jeden Ball halten, jeden Schuss blocken, jede Spielform gewinnen.»
Das erste Länderspiel, noch dazu in München und auch noch während des Oktoberfestes, besser geht's kaum. Es soll der nächste Karriere-Schritt für Urbig werden, der Neuer nicht nur beim FC Bayern, sondern auch in der Nationalelf als Nummer eins beerben will. «Es ist sicher ein Ansporn für mich, dauerhaft ein Thema zu werden», sagte Urbig zu seinen DFB-Ambitionen.
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