Archivierter Artikel vom 16.11.2015, 14:37 Uhr

Zwischen Alltag und Militärpräsenz: Stiftungsleiter über das Leben in Paris nach dem Terror

Nach den schrecklichen Terrorangriffen in Paris haben wir mit Dr. Nino Galetti, dem Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Paris über die Stimmung in der Stadt gesprochen und ob die Anschläge das Leben in der Stadt verändern werden.

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Welche Stimmung spüren Sie in der Stadt?

Die Menschen sind natürlich schockiert. Sie sagen: ,Nicht schon wieder'. Sie sagen: ,Wir wissen, dass wir ein Angriffsziel sind, weil Paris eine offene Stadt mit viel Lebensfreude ist. Aber warum muss das schon wieder sein?' Hinzu kommt, dass es keine gezielten Attacken wie bei den Angriffen auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt im Januar waren. Die Attentäter haben sich wahllos irgendwelche Ziele vorgenommen. Das hätte jeden treffen können und entsprechend groß ist die Betroffenheit

Was ändern die Anschläge?

Das ist schwer zu sagen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind in der Stadt ohnehin schon hoch gewesen. Die Polizei, teilweise auch das Militär haben die Gebäudeüberwachung übernommen und sehen dabei sehr martialisch aus – wie wir das aus Deutschland nicht gewöhnt sind: Mit schusssicheren Westen, Helm und Maschinengewehr bewachen sie Synagogen oder andere Einrichtungen. Da konnte man schon sehen, dass es hier ein anderes Sicherheitsempfinden gibt als in Deutschland. Auf der anderen Seite geht das alltägliche Leben weiter.

In Deutschland ist die Flüchtlingssituation das Gesprächsthema, und es gibt vor allem in den sozialen Netzwerken Stimmen, die sagen, dass man sich die Terroristen so ins Land holt. Gibt es in Frankreich eine ähnliche Diskussion?

Nein, überhaupt nicht. Der Flüchtlingsstrom geht an Frankreich fast komplett vorbei. Normalerweise werden hier jährlich 50 000 bis 60 000 Flüchtlinge erwartet, dieses Jahr werden es weniger sein. Das liegt zum einen daran, dass es keine Jobs gibt. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Sie liegt zur Zeit bei zehn bis elf Prozent, unter Einwanderern sogar bei weit über 20 Prozent. Außerdem gibt es bei Weitem nicht so gute Sozialleistungen wie in Deutschland. Flüchtlinge werden in Frankreich häufig ihrem Schicksal überlassen. Es gibt zwar die Kirchen und freie Hilfsorganisationen, der Staat hält sich aber relativ zurück. Man muss aber dazu sagen, dass die französische Bevölkerung es aushält, wenn Flüchtlinge auf irgendeinem Marktplatz wild campieren. Dann ist das eben so. In Deutschland wäre das undenkbar. Wenn Sie sich die Zustände in dem Flüchtlingslager Calais ansehen, dann würde so etwas in Deutschland nicht passieren. Da würde irgendein Bürgermeister oder eine Organisation sagen: ,Das geht so nicht, dann stellen wir eben die Dixie-Toiletten auf.“ In Frankreich gibt es dazu eine andere Haltung.

Dass Frankreich Anschlagziel für den IS ist, wird vielfach mit dem militärischen Engagement des Landes in Syrien in Verbindung gebracht. Wie ist da die Haltung der Bevölkerung?

Was ich wahrnehme ist, dass der Großteil der französischen Bevölkerung ganz klar hinter der Idee steht, dass Streitkräfte dafür da sind, auch eingesetzt zu werden. Der französische Präsident hat im September Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien befohlen. Verfassungsrechtlich hätte er das nicht einmal bekannt geben müssen. Er hat das Parlament aber informiert. Vor meinem deutschen Hintergrund hätte ich erwartet, dass das diskutiert wird. Es gab aber keine Debatte. Die Franzosen stehen in ihrer Tradition ganz klar auf dem Standpunkt, dass in einem solchen Fall gehandelt werden muss.

Künftig auch mit Bodentruppen?

Der Einsatz wurde in der Tat diskutiert. Der Präsident will ihn natürlich vermeiden, weil das ein noch stärkeres Engagement wäre. Aber die konservative Partei hat ganz klar Bodentruppen gefordert und kritisiert, dass man viel zu spät handelt.

Erwarten Sie also eine ähnliche Reaktion wie die der Amerikaner nach dem 11. September?

Das kann ich derzeit noch nicht beurteilen.

Erwarten Sie denn innenpolitische Veränderungen? Hollande hat ja in der Nacht zu Samstag die Grenzen schließen lassen.

Das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Neben der schon erwähnten Regionalwahl findet vom 30. November bis zum 11. Dezember auch die Weltklimakonferenz in Paris statt, bei der allein 5000 Teilnehmer erwartet werden. Darauf bereitet sich Frankreich vor. Und es war ohnehin vorgesehen, mit Schengen zu vereinbarende Grenzkontrollen bei erhöhter Sicherheitslage – auch kommendes Jahr bei der Fußball-EM – einzuführen. Deshalb hat der Präsident Freitagnacht für ganz Frankreich den Ausnahmezustand ausgerufen. Damit dürfen Grenzkontrollen durchgeführt werden. Das sind aber ganz normale Kontrolle. Es ist nicht so, dass man nicht mehr durchkommt.

Das Gespräch führte Ulf Steffenfauseweh