Archivierter Artikel vom 26.12.2014, 17:59 Uhr

Zukunftsforscher verblüfft: Immer mehr Optimisten

D. Neuer Kalter Krieg und blutige Kämpfe am Rande Europas – Angst macht das den Deutschen kaum, sagt der Hamburger Zukunftsforscher Opaschowski. Fast jeder Zweite geht mit Optimismus ins neue Jahr – so viele wie schon lange nicht mehr.

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Die Deutschen freuen sich auf 2015.
Die Deutschen freuen sich auf 2015.
Foto: dpa/jo

Von Bernhard Sprengel (dpa)

Alles wird gut im neuen Jahr – das erwarten laut einer repräsentativen Umfrage so viele Deutsche wie seit langem nicht mehr. Fast jeder Zweite sehe 2015 „mit großer Zuversicht und Optimismus“ entgegen, sagt der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski. Mit 45 Prozent habe der Anteil der Optimisten einen neuen Höchstwert erreicht. Die Pessimisten haben zwar um drei Prozentpunkte zugelegt, sind mit 27 Prozent aber deutlich in der Minderheit. Ihre Zahl unterliege auch größeren Schwankungen, während das Optimistenlager stabiler sei.

Männer sind die größeren Optimisten

Wie die Umfrage weiter ergab, sind mehr Männer als Frauen Optimisten (48 zu 42 Prozent) und mehr Jüngere (14-34 Jahre: 50 Prozent) als Ältere (ab 55 Jahre: 38 Prozent).

Nach der Krise von 2008/9 hat sich die Stimmung seit 2011 immer weiter aufgehellt, wie die alljährliche Studie des Instituts Ipsos zeigt. Hintergrund ist nach Angaben von Opaschowski vor allem die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Rekordzahl der Erwerbstätigen. Schon Ende 2013 hatten viele der Befragten das Gefühl, in einer „Bestzeit“ zu leben, mit der niedrigen Arbeitslosigkeit, steigenden Löhnen und der Rekordzahl bei der Beschäftigung. Diese Stimmung hat sich laut Opaschowski weiter verfestigt. Ganz geheuer ist das dem Zukunftsforscher nicht: „Es kann nicht unendlich so weitergehen“, sagt er.

Politik kommt schlecht weg

Die Politik kommt bei ihm nicht gut weg. Für den Jetztzustand seien die Deutschen zwar mit ihrer Regierung zufrieden, das Misstrauen mit Blick auf Zukunftsfragen habe jedoch gewaltig zugenommen. Die Bürger nähmen die Politiker als überfordert, als Getriebene wahr, sagt er und spart selbst nicht mit Kritik: „Das beste Beispiel ist die Rente mit 63, die völlig widersinnig ist.“ Der Vorruhestand war einmal das Lebensziel vieler Deutscher. Heute sei es die lebenslange Beschäftigung – ob bezahlt, um den Lebensstandard zu halten, oder unbezahlt, weil man weiter gebraucht werden will. „Deswegen wird es in Zukunft einen Trend zum länger Tätigsein geben.“

Angst Nummer 1: Die gefühlte Geldentwertung

Die Deutschen sehen die Welt der Studie zufolge nicht durch die rosa Brille, gewichten die Gefahren aber sehr eigenwillig. „Wir leben geradezu in chronisch unsicheren Zeiten, und zwar weltweit“, glaubt Opaschowski. Krisen und Katastrophen würden immer extremer, immer globaler. Es ist aber nicht die Angst vor Krieg oder Terrorismus, die die Menschen umtreibt, sondern in erster Linie die Geldentwertung. Das gaben zumindest 59 Prozent der Befragten an. Ökonomen warnen in der Euro-Krise derzeit eher vor einer Deflation, verbreitet sei jedoch die Furcht vor einer „gefühlten Inflation“. „Das ist eine Art Inflationstrauma der 20er Jahre, das bei den Generationen Spuren hinterlassen hat“, sagt der Forscher.

Angst Nummer 2: Der Arbeitsplatz

Erst auf Platz zwei folgt die Sorge um den Arbeitsplatz, dann die Furcht vor einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich und vor Kriminalität. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sind für die meisten Deutschen weit weg. Sie sind relativ krisenresistent, sagt Opaschowski. Es nehme allerdings der Anteil derjenigen stark zu, die sich vor Konflikten zwischen Christen und Muslimen und vor Überfremdung fürchteten.

Es gebe gleichwohl eine wachsende Bereitschaft, gerade um Weihnachten herum, Flüchtlingen zu helfen. Ob es der Politik und der Gesellschaft gelingen werden, dauerhaft ein Klima der Toleranz zu schaffen, werde sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Das Thema hält der 1941 in Oberschlesien geborene Forscher im Übrigen nicht für neu: Schon in den Nachkriegsjahren hätten sich viele von den Flüchtlingen aus den Ostgebieten bedrängt gefühlt.

Partnerschaften angesagt – mit und ohne Trauschein

Worauf verlassen sich die Deutschen? Auf die Familie, lautet Opaschowskis Antwort. 88 Prozent der Befragten setzten ihre Hoffnungen darauf. Dreiviertel der Deutschen wünschten sich die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Gemeinschaft, ob mit oder ohne Trauschein. „Die Single-Gesellschaft hat ihren Höhepunkt überschritten.“ Der Zukunftsforscher sieht sogar Anzeichen für einen „zweiten demografischen Wandel“ in den nächsten 20 Jahren und verweist auf den leichten Anstieg der Geburtenzahl.

Wer kinder- oder enkellos ist, dem sind Freundschaften besonders wichtig (84 Prozent), und zwar auch über Generationen hinweg. Die Beziehungen zu Freunden, Nachbarn oder Mitbewohnern bildeten einen „sozialen Konvoi“, der die Menschen ein Leben lang begleite. Die Gemeinschaft beruhe auf Gegenseitigkeit. Es gehe um kalkulierte Hilfsbereitschaft nach dem Grundsatz „Ich gebe dir, damit du was gibst“, nicht um selbstlose Wohltätigkeit à la Albert Schweitzer und Mutter Teresa. „Die Generationenbeziehungen werden in Zukunft wichtiger als die Partnerbeziehungen“, prophezeit Opaschowski.

Jugend zuversichtlich, aber nicht arm an Sorgen

Für bemerkenswert hält Opaschowski die Zuversicht der Jugend. Zwei Drittel der Befragten seien zwar der Ansicht, dass es für die junge Generation immer schwieriger werde, ebenso abgesichert und im Wohlstand zu leben wie die Elterngeneration. Und fast zwei Drittel der unter 34-Jährigen (61 Prozent) rechnen mit mehr Arbeitsplatzunsicherheit, jeder Zweite der Jüngeren (50 Prozent) befürchtet, dass die «Wohlstandswende» im Alltag ankommt.

Trotzdem resigniere die Jugend nicht. Der Anteil der Optimisten sei bei den Jüngeren mit 50 Prozent fast doppelt so hoch wie der der Pessimisten, die 27 Prozent ausmachen. «Trotz weltweiter Finanz-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Umweltkrisen blickt die sogenannte «Generation Krise» optimistisch in ihre eigene Zukunft», resümiert der Zukunftsforscher.