Archivierter Artikel vom 27.12.2014, 06:00 Uhr
Berlin

Wirtschaft fordert mehr Zuwanderer

Führende Wirtschaftsvertreter und Ökonomen fordern Bund und Länder auf, angesichts des zunehmenden Tempos der Alterung der Gesellschaft bessere Zuwanderungskonzepte zu entwickeln. „Wir müssen mehr talentierte Leute aus dem Ausland anlocken – das ist eines der ganz großen Erfolgsgeheimnisse der USA“, sagte Henkel-Chef Kasper Rorsted unserer Zeitung.

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Foto: dpa

Von unserer Berliner Korrespondentin Birgit Marschall

„Wir brauchen eine gezieltere Zuwanderung, wenn wir unseren Wohlstand in den nächsten Jahrzehnten halbwegs sichern wollen“, sagte auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Wer schon in Deutschland ist, sollte sich mit seinen Fähigkeiten schneller in die Arbeitswelt integrieren können“, erklärte Michael Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Während Zehntausende den Aufrufen des Bündnisses Pegida folgen und gegen die Aufnahme neuer Zuwanderer demonstrieren, ist in der Wirtschaft der Mangel an Arbeits- und Fachkräften längst spürbar. Das Handwerk etwa konnte 20 000 Lehrstellen schon 2014 nicht besetzen, weil ihm Bewerber fehlten. In starken Industrieregionen können sich junge Fachkräfte oft vor den Abwerbeversuchen konkurrierender Arbeitgeber kaum retten.

Zahl der Rentner steigt rapide

Die Arbeitskräftelücke wird in den kommenden zwei Jahrzehnten zum akuten Problem für die gesamte Gesellschaft: Wenn ab 2020 die Babyboomer in den Ruhestand gehen, wird die Zahl der Rentner schlagartig um weitere 7,5 Millionen steigen, während die Zahl der Erwerbsfähigen noch stärker sinkt. „Um das durch Migration aufzufangen, wären 32 Millionen Menschen nötig“, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn der Onlineausgabe von „Focus“. Da die riesige Arbeitskräftelücke nur teilweise durch Zuwanderer geschlossen werden könne, müssten sich künftige Rentner auf Wohlstandsverluste einstellen.

Das Handwerk ruft die Politik auf, auch in der Flüchtlingspolitik mit konkreten Schritten zu reagieren. Unter den vielen Flüchtlingen seien „sehr viele mit guter Schulbildung, zum Beispiel aus dem Irak und Syrien, und viele, die großes praktisches Geschick haben“, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer unserer Zeitung.

„Wenn wir einen jungen Flüchtling ausbilden, muss aber auch klar sein, dass er über die gesamte Lehrzeit in Deutschland bleiben darf. Hier ist die Politik gefordert, denn unsere Betriebe brauchen Planungssicherheit“, sagte er. Die jungen Flüchtlinge müssen seiner Ansicht nach zudem „rasch Deutschkurse besuchen, um in Betrieb und Berufsschule mithalten zu können“.

Schnellere Verfahren

„Die Politik muss an vielen Stellen gleichzeitig ansetzen“, sagte Fratzscher. Schnellere Asylverfahren und die Integration von Flüchtlingen seien ebenso dringlich wie ein transparentes Zuwanderungsregime für Nicht-EU-Bürger und die Anwerbung von Fachkräften aus der EU. „Asylsuchende müssen oft mehrere Jahre darauf warten, bis sie wissen, ob sie bleiben können oder nicht. Diese Zeit ist verloren, nicht nur für sie, sondern auch für uns in Deutschland.“

Linken-Chef Bernd Riexinger forderte angesichts der Pegida-Proteste ein klares Bekenntnis aller Parteien, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland sei: „Ich bin dafür, dass sich die im Bundestag vertretenen Parteien auf eine gemeinsame Erklärung verständigen, die das Bekenntnis enthält, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, dessen Wohlstand nicht unwesentlich davon abhängt, dass das so bleibt.“