Archivierter Artikel vom 05.05.2020, 18:29 Uhr
Koblenz

Wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann wirre Gewaltfantasien verbreiten: Verschwörungstheoretiker sterben nicht aus

Falschmeldungen verbreiten sich immer noch genauso schnell wie das Coronavirus. Neu im Reigen der prominenten Verschwörungstheoretiker ist jetzt Attila Hildmann, der es damit vom veganen Koch zum wirren Gewaltfantasierer gebracht hat. Auch der Musiker Xavier Naidoo mischt immer noch mit. Was derzeit an Fake News durch soziale Medien und die Öffentlichkeit geistert – drei Beispiele.

Birgit PielenLesezeit: 3 Minuten

Attila Hildmann fühlt sich von einer neuen Weltordnung bedroht.

Leszek Czerwonka – stock.adobe.c

„Bringt uns verdammt nochmal Beweise, dass dieses Ding echt ist“, fordert Xavier Naidoo und suggeriert, die Pandemie sei erfunden.

Das neueste „krasse“ Gerücht kommt – wie so oft – per Whatsapp und Facebook aufs Smartphone: In Kettenbriefen kursiert die Falschmeldung von Masken mit Betäubungsmittel.

1 Der 39-jährige Attila Hildmann ist Bestsellerautor und ein Star der veganen Community. Jetzt hat er – ähnlich wie der Musiker Xavier Naidoo – Geschmack an kruden Corona-Verschwörungen gefunden. Statt Gemüse zu schnippeln, setzt er Hunderte Nachrichten in sozialen Medien ab, in denen er vor einer neuen Weltordnung warnt, gegen die er sich zur Not mit Waffen zur Wehr setzen will. Zudem wolle er sich in den Untergrund zurückziehen und dort, falls nötig, eine Armee aufbauen. Seine wirre Theorie: Politiker hätten die Menschen belogen, gezielt Ängste geschürt und die Pandemie vor langer Zeit hinter verschlossenen Türen vorbereitet. Experten wie Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut oder Christian Drosten von der Berliner Charité würden Zahlen fälschen und dafür Geld von Gates-Stiftung bekommen. Bill Gates habe auch zwei Millionen Euro zwecks Manipulation an das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ überwiesen. Hildmann ist überzeugt: „Am 15. Mai soll unsere Demokratie den Todesstoß bekommen! Ich habe für alles Beweise.“ Und der fassungslose Leser fragt sich: Was hat sich Hildmann bloß ins Essen getan?

2 Auf WhatsApp und Facebook kursiert ein Kettenbrief, in dem vor Kriminellen gewarnt wird, die angeblich an Haustüren mit einem Betäubungsmittel getränkte Masken verteilen. Wörtlich heißt es: „Warnung: Jetzt zirkuliert etwas Neues. Die Leute gehen von Tür zu Tür, um Masken zu verteilen. Sie sagen, es sei eine neue Initiative der lokalen Regierung. Sie bitten Sie, es anzuziehen, um zu sehen, ob es passt. Es wurde mit Chemikalien besprüht, die Sie umhauen. Dann werden Sie bestohlen!! Akzeptiere keine Masken von Fremden. Warnen Sie Ihre Freunde, es ist eine kritische Zeit und die Menschen sind verzweifelt, die Kriminalität wird zunehmen. Seien Sie vorsichtig!“

Das Bundeskriminalität teilte auf eine entsprechende Anfrage der Rechercheplattform Correctiv mit: „Im Bundeskriminalamt liegen keine Erkenntnisse zu Ihrer Anfrage vor.“ Auch die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes wisse nichts von solchen Vorfällen, heißt es beim BKA.

3 „Diese Dinger hier, die sind für den Arsch“, sagt der Musiker Xavier Naidoo in einem Videoclip, zieht sich seinen Mundschutz vom Gesicht und wirft ihn weg. „Es sollte jedem klar sein, dass wir uns jetzt nicht länger verarschen lassen sollten.“ Naidoo kritisiert im Verlauf des Videos das Vorgehen der Bundesregierung. Man nehme in Kauf, dass Menschen sterben. „Wir müssen so machen, als gäbe es eine tödliche Pandemie“, sagt er. Und: „Bringt uns verdammt nochmal Beweise, dass dieses Ding echt ist.“ Damit suggeriert er, es gebe angeblich keine Pandemie und das neuartige Coronavirus sei nicht echt. Man müsse sich jetzt „wehren“, mahnt er.

Lesen bildet bekanntlich – und das würde auch Xavier Naidoo helfen. Es gibt etliche wissenschaftliche und teils jahrzehntealte Erkenntnisse zu Coronaviren – und mittlerweile Hunderte detaillierte Studien zum neuen Virus Sars-CoV-2 und der Lungenerkrankung Covid-19. Dazu kommen viele Forschungsergebnisse von Virologen.

Die Stadt Dortmund kündigte kürzlich an, dass sie ein Konzert mit Naidoo Anfang September im Westfalenpark wegen seinen antidemokratischen Tendenzen verhindern will. Birgit Pielen

Noch eine Verschwörungstheorie: Geheimdienste glauben nicht an Laborunfall als Ursache für Pandemie

Washington. Westliche Geheimdienste halten die Theorie von einem Laborunfall als Ursprung der Corona-Pandemie für „höchst unwahrscheinlich“. Der US-Nachrichtensender CNN zitierte nun drei Quellen, die anhand der Erkenntnisse der „Five Eyes“ genannten Geheimdienstallianz widersprechen.

Nach anfänglichem Lob für China verdächtigt US-Präsident Donald Trump nun die Chinesen.
Nach anfänglichem Lob für China verdächtigt US-Präsident Donald Trump nun die Chinesen.
Foto: dpa
Die Allianz aus Diensten der USA mit Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland lieferte angebliche Indizien zu entsprechenden Verdächtigungen von US-Präsident Donald Trump und zuletzt US-Außenminister Mike Pompeo. Inoffiziell widersprechen Geheimdienstmitarbeiter jedoch.

„Es ist höchst wahrscheinlich, dass es auf natürliche Weise aufgetreten und die Infektionen von Menschen durch natürliche Interaktion zwischen Mensch und Tier erfolgt ist“, zitierte der Sender einen Diplomaten. Am Sonntag hatte Pompeo dem US-Sender ABC gesagt, es gebe „signifikante“ Belege, dass die Krise in einem Labor in der zentralchinesischen Stadt Wuhan ihren Anfang genommen habe.

Der Nachrichtensender CNN zitierte eine weitere Quelle, dass diese Äußerungen weit über die gegenwärtige Einschätzung der „Five-Eyes“-Länder hinausgingen. Er wollte die Möglichkeit nicht ausschließen, sagte aber, dass noch nichts vorliege, dass die Theorie eines Laborunfalls berechtigen könnte. Auch China hatte die Theorie zurückgewiesen. Kommentare in chinesischen Staatsmedien sahen eine Strategie der US-Regierung, China die Schuld zuzuschieben, um von eigenen Versäumnissen in der Pandemie abzulenken.

Der prominente US-Regierungsberater und Immunologe Anthony Fauci glaubt auch nicht, dass das Virus künstlich erzeugt wurde. „Viele sehr qualifizierte Biologen haben gesagt, dass alles über die schrittweise Evolution mit der Zeit stark darauf hindeutet, dass es in der Natur entstanden ist und die Artengrenze überwunden hat“, sagte Fauci dem Magazin „National Geographic“. Er hält auch nicht viel von der Theorie, dass das Virus aus dem Labor entwichen sein und auf diese Weise seinen Weg zum Menschen gefunden haben könnte.

CNN

National Geographic

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