Archivierter Artikel vom 05.08.2011, 09:50 Uhr
São Paulo

Wie in Chile ein Wunder seinen Anfang nahm Bergbau Unglück Katastrophe Minenunglück Mine Lateinamerika

Todesangst und Verzweiflung, Heldenmut und Erlösung – all das gehört zum „Wunder von Chile“. Es nahm am 5. August 2010 seinen Lauf, als in der Mine San José in Chiles unwirtlicher Atacama-Wüste 33 Kumpel in fast 700 Metern Tiefe verschüttet wurden.

Einige Familien der befreiten Minenarbeiten feiern, als die Rettungsaktion endlich beendet war. Innerhalb von 22 Stunden und 39 Minuten wurden alle Kumpel aus der Grube befreit.

DPA

In der Nacht auf Mittwoch begann die Rückholaktion: Bevor die Kumpel nacheinander aus der Grube geholt werden konnten, machten sich Rettungssanitäter auf den Weg zu den eingeschlossenen Minenarbeitern. Hier steigt der erste Sanitäter in die Kapsel.

dpa

Die „Fenix“-Kapsel wird „eingefädelt“.

dpa

Der Videoausschnitt zeigt, wie der 31-jährige Florencio Avalos auf den Weg nach oben gebracht wird.

dpa

Die Anspannung bei den Angehörigen war groß.

dpa

Chiles Präsident Sebastian Pinera und Bergbauminister Laurence Golborne warteten gemeinsam mit der Familie des Bergmanns Florencio Avalos auf dessen Ankunft an der Oberfläche.

dpa

Florencio Avalos umarmt nach seiner Rettung den chilenischen Präsidenten Pinera.

dpa

Florencio Avalos – glücklich zurück in den Armen seiner Familie.

dpa

Der zweite Gerettete war Mario Sepulveda (39).

dpa

Überglücklich erreichte Mario Sepulveda um kurz nach sechs Uhr deutscher Zeit die Oberfläche.

dpa

Der Dritte von 33: Juan Manuel Illanes

dpa

Der 23-jährige Carlos Mamani verließ als vierter der 33 Bergleute die Dahlbusch-Bombe „Fenix-2“. Mamani ist Bolivianer, der einzige Nicht-Chilene. Bevor er seine Frau umarmte, kniete er sich kurz noch zu Boden. Bisher dahin verlief die Rettungsaktion reibungslos.

dpa

Jimmy Sanchez (damals 19) steigt aus der Rettungskapsel. Er war der jüngste Bergmann und der fünfte, der aus der Mine hochfuhr. Er stieg um 09.10 Uhr deutscher Zeit aus der Rettungskapsel.

dpa

Der 29-Jährige Osman Araya wurde als sechster aus der Grube befreit. Er hatte erst seit vier Monaten in der Mine gearbeitet, als das Unglück geschah.

dpa

Glücklich schließt Osman Araya seine Frau in die Arme. Bevor die Kapsel für Araya hinabgelassen wurde, hatten Helfer mehrere Bauteile ausgetauscht und überprüft.

DPA

Claudio Yanez, 34, war der achte Kumpel, der aus der Mine gerettet wurde. Als er die Kapsel verlässt, wartet bereits seine Verlobte auf ihn.

DPA

Mario Gomez war mit 59 Jahren der älteste der eingeschlossenen Kumpel. Seit seinem 12. Lebensjahr arbeitete er schon im Bergbau. Gómez erreichte um 12.59 Uhr deutscher Zeit die Oberfläche.

DPA

Dankbar für die Rettung umarmt seine Frau einen der Helfer.

DPA

Knapp elf Stunden nachdem der erste Rettungssanitäter zu den Kumpeln herunter gelassen wurde, erreichte der 55-jährige Jorge Galleguillos die Erdoberfläche. Ein Drittel der Kumpel war zu diesem Zeitpunkt aus der Grube befreit.

DPA

Der 34-jährige Edison Pena war die Nummer 12. Nach seiner Rettung warteten noch 21 Bergleute darauf, in die Rettungskapsel steigen zu dürfen. Die Rettung in der engen Kapsel verlief bislang völlig reibungslos.

DPA

Als 28. durfte Richard Villarroel aus der Kapsel steigen. Überglücklich schwenkte er eine Flagge, während Helfer ihn losmachten.

DPA

Raul Bustos nimmt glücklich eine Verwandte in den Arm. Er war der 30. Minenarbeiter, der die Grube verlassen konnte.

DPA

Victor Segovia winkte in die Kameras, als er am Krankenhaus in Copiapo ankam.

DPA

Johnny Barrios freute sich sichtlich darüber, gerettet worden zu sein.

DPA

Samuel Avalos drückte einem Helfer dankend die Hand, noch bevor er die Kapsel verließ.

DPA

Franklin Lobos begrüßt eine Verwandte.

DPA

Seine Familie war während seiner Rettung den Tränen nahe.

DPA

Der Moment, in dem die Rettungskapsel „Phoenix 2“ mit dem letzten Minenarbeiter die Grube verlässt, ist in Fotos festgehalten. Die Helfer, die hinabgelassen wurden, um die Kumpel ärztlich zu versorgen, müssen noch einige Zeit ausharren.

DPA

Der chilenische Präsident nimmt Sebastian Pinera Luis Urzua in den Arm. Der Schichtführer und «Boss» genannte Bergarbeiter hatte im Vorfeld darauf bestanden, als letzter gerettet zu werden.

DPA

Gemeinsam sangen die beiden die Nationalhymne.

DPA

Präsident Sebastian Pinera hielt nach der Rettung des letzten Minenarbeiters eine Rede.

DPA

Nach der Rettung aller Kumpel feierten Familie mit Flaggen, Luftballons und Sekt. Guido westerwelle sprach bereits im Laufe des Mittwochs von einem modernen Wunder.

DPA

In einem Zelt arbeiteten Journalisten und Fotografen. Das Medieninteresse an der Rettung war enorm.

DPA

Die Zeitungen aus aller Welt beschäftigte am Tage nach Beginn der Rettung nur ein Thema.

DPA

Mexikanische Zeitungen zeigten Fotos von der Befreiung der Minenarbeiter.

DPA

São Paulo – Todesangst und Verzweiflung, Heldenmut und Erlösung – all das gehört zum „Wunder von Chile“. Es nahm am 5. August 2010 seinen Lauf, als in der Mine San José in Chiles unwirtlicher Atacama-Wüste 33 Kumpel in fast 700 Metern Tiefe verschüttet wurden.
Die meisten glaubten die Bergleute nach mehr als zwei Wochen ergebnisloser Suche schon tot. Dann aber geschah das Unglaubliche. Aus den Tiefen der Mine kam auf einem kleinen Zettel die Botschaft: „Wir sind alle am Leben.“ Für die Kumpel begann ein langer Aufstieg. Einigen macht er auch heute noch Mühe.

Wer könnte die Bilder je vergessen? Verschwitzte, müde, kohlenschwarze Gesichter, in denen aber Augen voller Hoffnung funkelten und die Zähne beim Lachen weiß aufblitzten. Es waren die ersten Videoaufnahmen aus der Tiefe. 17 lange, für die Familien schier unerträgliche Tage hatte es gedauert, bis ein Bohrer endlich an der richtigen Stelle durchbrach. Durch den schmalen Kanal kamen zuerst der erlösende Zettel und später auch Bilder nach oben. Chiles Präsident Sebastián Piñera reckte damals, am 22. August, das kleine zerknitterte Stückchen Papier in die Kameras und rief: „Heute weint ganz Chile vor Freude und Ergriffenheit.“

Wer könnte die Bilder je vergessen, als Mario Sepúlveda, der „Talkmaster aus der Tiefe“, am 13. Oktober, einem Mittwoch, gegen 1 Uhr aus der Rettungskapsel „Phönix“ stieg. Er, der in den Wochen zuvor die Videos unter Tage gekonnt und mit Witz kommentiert hatte, kam als Zweiter nach oben. Er umarmte seine Frau, dann alle, die ums Bohrloch standen, samt Präsident Piñera, tanzte wild wie ein Derwisch herum und feuerte die Bohrarbeiter zu einem „Chi Chi Chi, Le Le Le“ an. „Ich war bei Gott, ich war beim Teufel, sie kämpften um mich, Gott hat gewonnen“, sagte er später.

Familien und Angehörige hatten bei dem Minengelände im Camp „Esperanza“ (Hoffnung) wochenlang ausgeharrt. Als der Tag der Rettung näherrückte, kamen immer mehr, auch 1600 Medienmitarbeiter aus der ganzen Welt. Das Schicksal der 33 Kumpel bewegte Präsidenten und Regierungschefs. Auch Papst Benedikt XVI. wünschte den Verschütteten Glück. Viele hatten in der Tiefe nur mit dem festen Glauben an Gott durchgehalten. „In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge“, diesen Auszug aus Psalm 95 trugen die meisten bei der Rettung auf den T-Shirts.

Im zurückliegenden Jahr lebten viele von ihnen so, als wollten sie vieles nachholen. Einige heirateten, andere flogen zu TV-Interviews nach Spanien, und alle 33 traten in einer Dokumentation des US-Senders CNN über Helden auf. Es gab auch Kurioses. So zog sich Sepúlveda fürs Fernsehen nackt aus, und sein als Unter-Tage-Jogger und Elvis-Fan bekannter Kollege Edison Peña sang beim US-Fernsehmoderator David Letterman „Suspicious Minds“ von Elvis Presley. Er lief auch den Marathon in New York mit.

All das ist der Stoff, aus dem Kinofilme gemacht werden. Das weiß auch Hollywoods Erfolgsproduzent Mike Medavoy („Black Swan“), der sich erst vor einigen Tagen die Filmrechte an der Geschichte der 33 sicherte. Die Produktion soll im kommenden Jahr beginnen.

Doch für einige der Kumpels will sich ein echtes glückliches Ende nicht einstellen. Viele hätten Schwierigkeiten, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, und könnten nicht mehr arbeiten, sagte Luis Urzúa, der am 5. August Schichtleiter war, kürzlich in einem Interview. 14 der 33 wollen deshalb in Frührente gehen und hoffen auf eine positive Entscheidung der Regierung.

Von Helmut Reuter