Archivierter Artikel vom 11.06.2015, 21:11 Uhr
Mainz/Berlin

Wie gerecht ist das Abitur in Deutschland?

Während in Berlin die Kultusminister der Bundesländer gerade über die „Entwicklung und Nutzung eines Pools von Abiturprüfungsaufgaben“ diskutieren, ist eine grundsätzliche Debatte über die Hochschulreife entbrannt. Denn: Welche Gesamtnote ein Abiturient hat, hängt laut einer Datenanalyse des Magazins „Der Spiegel“ auch vom Bundesland ab, in dem er zur Schule gegangen ist.

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Von unseren Redakteuren Birgit Pielen und Dietmar Brück

Foto: picture alliance

2013 verließen in Thüringen 37,8 Prozent der Abiturienten das Gymnasium mit einer Eins vor dem Komma, in Rheinland-Pfalz waren es nur halb so viele: 18,5 Prozent. Sind die Rheinland-Pfälzer etwa dümmer, oder sind die Anforderungen nur höher? Verteilt Thüringen Kuschelnoten, während Rheinland-Pfalz Spitzenleistung fordert?

Auf dem mühsamen Weg zu einer stärkeren Vereinheitlichung des Abiturs wollen die Bildungsminister jetzt wieder ein Stück vorankommen: mit dem Abituraufgabenpool. Sechs Länder (Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein) haben bereits gemeinsame Abituraufgaben in Mathematik, Deutsch und Englisch verwendet. Nun kommt Brandenburg bei Deutsch hinzu, 2016 Bremen bei Deutsch und Mathematik, 2017 folgt Rheinland-Pfalz mit Abiturfragen aus dem Pool für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Zudem soll es 2017 erstmals in 14 Ländern gleichzeitig ein Mathe-Abi geben. Rheinland-Pfalz ist allerdings nicht dabei.

Datawrapper Abiturnoten

Keine Noteninflation im Land

Selbst der Philologenverband, der nicht gerade als regierungsfreundlich gilt, hält die Qualität des rheinland-pfälzischen Abiturs für hoch. Mit Einsern wird an den hiesigen Schulen kaum um sich geworfen. In der „Spiegel“-Analyse sind nur die Niedersachsen noch knauseriger. Malte Blümke, Landesvorsitzender der Philologen, sagt: „Rheinland-Pfalz hat über Jahre hinweg keine Noteninflation in den Abiturprüfungen zugelassen.“ Und im Mainzer Bildungsministerium erfährt man, dass der Anteil der 1,0-Abiturienten bei rund 1 Prozent lag und liegt. „Also gibt es keine Anzeichen, dass das Abi verschleudert würde“, heißt es vom Ministerium. Gute Noten bekommt man offenbar eher in Bundesländern wie Thüringen „hinterhergeworfen“, was natürlich die Frage nach der Gerechtigkeit von Abiturprüfungen aufwirft.

Rheinland-Pfalz hat sich bekanntlich dem deutschen Zentralabitur verweigert. Zum Ärger der CDU-Opposition. Der Philologenverband, die Lobby der Gymnasien, steht hier aber hinter Rot-Grün. In dem Bildungsverband betrachtet man die eigenen Gymnasien mit ihren strengen Qualitätskriterien durchaus als etwas Besonderes.

Die Philologen befürworten zwar, dass Rheinland-Pfalz künftig Abituraufgaben aus dem gemeinsamen Aufgabenpool übernimmt, aber eine gewisse Skepsis gegen allzu großen Zentralismus bleibt. Man befürchtet, dass ein niedrigeres Niveau der Preis für mehr Gemeinsamkeit sein könnte. Das Land trägt dem Rechnung und will ein Mischmodell: Zwei Aufgaben stellt die örtliche Schule, eine wird aus dem großen Pool gefischt.

Das Thema „Vergleichbarkeit von Abiturnoten“ buchstabiert sich aber auch noch anders. Der Philologenverband will, dass auch zwischen Schularten und Bildungseinrichtungen, die die Hochschulreife vergeben, verglichen wird. Ist das Abitur an einer Integrierten Gesamtschule (IGS) oder einem beruflichen Gymnasium einfacher als an einem klassischen Gymnasium? Landesvorsitzender Malte Blümke sagt: „Ein Abitur light außerhalb des Gymnasiums darf es nicht geben.“ Und Blümke zitiert Expertisen, nach denen die Abiturienten rheinland-pfälzischer Gymnasien zu 83 Prozent ihr Studium erfolgreich schaffen. Der Verbandsvorsitzende betont, dass sich diese gute Quote nicht auf die Integrierten Gesamtschulen bezieht.

Leistungsgarant Gymnasium

Hier sind sich Philologenverband und CDU wieder näher. Denn auch die Christdemokraten wollen eine Lanze für das klassische Gymnasium und dessen hohe Leistungsanforderungen brechen. Die Christdemokraten finden die Landestendenz auffällig, „dass nahezu jeder, der sich zur Abiturprüfung meldet, diese auch besteht“. Andere Bundesländer hätten höhere Durchfallquoten. Die Opposition mutmaßt daher, dass die Mainzer Regierung „auf dem Weg zum Abitur für alle ist“. CDU wie Philologen wollen, dass ermittelt wird, wie die Abiturleistungen an den verschiedenen Schulformen in Rheinland-Pfalz ausfallen. Der Weg dorthin könnten landeseinheitliche Abiturprüfungen und Korrekturvorgaben sein. Keiner soll sich durchs Abitur mogeln können. Im zweiten Schritt will die CDU das Deutschlandabitur. Anders als der Philologenverband ist die Opposition sicher, dass Rheinland-Pfalz auch an dieser Stelle nachsitzen muss.