Archivierter Artikel vom 27.01.2016, 17:03 Uhr
Köln/Berlin/Mayen

Wenn aus Gerüchten ein gefährlicher Verdacht wird – Beispiel auch aus Mayen

Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und Hamburg wurde der Polizei vorgeworfen, die Öffentlichkeit zu spät und nur lückenhaft über die Ereignisse informiert zu haben. Jetzt gibt es immer mehr Fälle, in denen der Polizei vorgeworfen wird, zu schnell zu warnen – wie beim verdächtigen Chemikalienkauf nahe Köln, der doch keinen Terrorhintergrund hatte. Hinzu kommt, dass Gerüchte in den sozialen Medien schnell eine Eigendynamik entwickeln, die ihre eigene Realität schafft. Drei aktuelle Beispiele, darunter auch eines aus Ettringen bei Mayen:

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Baumarkt
Die Kölner Polizei hatte nach einem Mann gefahndet, der der in einem Baumarkt verdächtige Chemikalien gekauft hatte.
Foto: Federico Gambarini – dpa

1 Der Chemikalienkäufer: Christoph Kuckelkorn, Leiter des Kölner Rosenmontagszuges, weigerte sich schlichtweg, gleich vom Schlimmsten auszugehen. „Vielleicht will der Mann aus dem Baumarkt mit den Chemikalien auch einfach nur sein Auto waschen“, vermutete er. Die Polizei hatte da gerade eine Fahndung nach einem möglichen Bombenbauer eingeleitet – und hier und da wurde schon über eine Absage des Rosenmontagszugs spekuliert. Ganz so harmlos wie Kuckelkorns Vermutung war die Erklärung am Ende dann zwar nicht – der 44-jährige Chemikalienkäufer wollte nach seinem Kauf am Freitag in einem Baumarkt in Pulheim bei Köln möglicherweise Drogen zusammenmischen. Aber einen Terrorhintergrund hatte die Sache nicht.

„In Zeiten einer angespannten Sicherheitslage sind wir uns der Verantwortung für die Menschen sehr bewusst und sind dankbar für alle Hinweise aus der Bevölkerung“, stellte der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies ausdrücklich fest. Eine Polizeisprecherin ergänzte: „Es ist sehr sinnvoll, lieber einmal mehr etwas zu melden als einmal zu wenig.“

Kann man sich wirklich in einem normalen Baumarkt für den Bombenbau eindecken? „Sie müssen noch nicht mal in den Baumarkt gehen“, sagt der Experte Martin Härtel. Er ist als Chemiker an der Uni München auf „Homemade Explosives“ spezialisiert, also Sprengstoffe aus frei erhältlichen Grundstoffen. „Sie können sich alles, was man für einen sehr leistungsfähigen Sprengsatz benötigt, bei einem großen deutschen Onlinehändler frei zugänglich bestellen.“ Der österreichische Physiker Werner Gruber sagt sogar: „Geben Sie mir Tauben, und ich baue Ihnen mit zwei, drei Zutaten, die auch leicht erhältlich sind, aus Taubenkot einen Sprengstoff.“

Im Kölner Fall spielte möglicherweise auch die Erscheinung des Käufers eine Rolle. Die Mitarbeiter des Baumarktes beschrieben ihn als „aus dem Nahen Osten stammend“. Ihnen ist sicher kein Vorwurf zu machen – im Gegenteil, sie waren aufmerksam. Doch zugleich sehen sich Menschen, die diesem Typ in etwa entsprechen, immer öfter unter Generalverdacht gestellt. „Es vergeht kaum ein Tag mehr, an dem ich nicht irgendeinen blöden Spruch zu hören bekomme“, erzählt eine schwarzhaarige Flüchtlingshelferin aus Köln. Ekaterina Degot ist eine russische Kunsthistorikerin und Leiterin der Akademie der Künste der Welt in Köln. Sie verweist darauf, dass es in den USA seit vielen Jahrzehnten eine breite gesellschaftliche Debatte über „racial profiling“ gebe, also über Ermittlungen nach ethnischen Gesichtspunkten: „Ich glaube, es würde Deutschland guttun, wenn es hier auch eine solche Debatte geben würde.“

Muss die Polizei vielleicht gelassener auf die gestiegene Terrorgefahr reagieren? Der Chef des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, plädiert für einen maßvolleren Gebrauch des Terroralarms. „Wir dürfen unser öffentliches Leben nicht von den Drohungen der Terroristen lahmlegen lassen.“ Sebastian Fiedler, stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, hält all das für „Quatsch“: „Die Bevölkerung wird eher beruhigt dadurch, wenn sie den Eindruck hat, dass die Polizei sorgsam mit solchen Hinweisen umgeht.“ Doch in der Flüchtlingskrise läuft die Gerüchteküche im Internet heiß:

Lageso
Menschen warten am Lageso in Berlin.
Foto: Gregor Fischer – dpa

2 Der Fall Lageso: Nach Berichten über den Tod eines Flüchtlings in Berlin ist das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) erneut in die Kritik geraten. Ein 24-Jähriger soll nach Angaben des Bündnisses „Moabit hilft“ gestorben sein. Zuvor habe er tagelang vor dem Lageso gewartet. Ein Helfer habe den stark fiebernden Mann zunächst zu sich nach Hause geholt, berichtete das Bündnis. Wegen seines schlechten Zustandes sei er dann von einem Krankenwagen abgeholt worden. Er sei aber auf dem Weg in die Klinik gestorben. Der Helfer hatte dazu zunächst Details auf seiner Facebookseite veröffentlicht, diese später aber wieder gelöscht.

Die Senatsverwaltung betonte jedoch, der Fall habe sich nicht bestätigen lassen. „Wir haben alle Aufnahmekrankenhäuser abgefragt“, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. „Dort gibt es keine Informationen darüber.“ Ein Sprecherin von „Moabit hilft“ betonte, man habe keinen Anlass, die Angaben des Helfers anzuzweifeln. Vor dem Lageso hing eine Trauerbekundung, davor standen zahlreiche Kerzen. „Wir weinen“ war auf dem schwarz umrandeten Zettel unter anderem zu lesen.

3 Der Fall Ettringen: In Ettringen bei Mayen sollen neun Flüchtlinge ein Mädchen verfolgt und in einer Tankstelle randaliert haben. Das war in den sozialen Medien zu lesen. Die Täter seien, nachdem das Mädchen die Polizei gerufen hätte, festgenommen worden. Die Polizei Mayen reagiert darauf ziemlich angesäuert: In Großbuchstaben bezeichnet sie dieses Gerücht in einer Pressemitteilung als Falschmeldung. „Diese Nachricht ist falsch!“, betont Polizeihauptkommissar Lars Brummer.

Richtig sei vielmehr Folgendes: Zwei ausländische Jugendliche waren in der Tankstelle, um dort eine Telefonkarte aufladen zu lassen. „Dabei kam es sprachlichen Verständigungsproblemen zwischen dem Tankstellenbetreiber und den beiden Jugendlichen – mehr nicht“, berichtet Brummer. Fest stehe aber, dass einer junge Frau am Dienstag in Ettringen beim Vorbeigehen an einem Haus, in dem Asylsuchende wohnen, nachgepfiffen und etwas nachgerufen wurde, woraufhin die junge Frau sich verängstigt in den Vorraum einer Bank begeben habe. „Sie konnte ihren Spaziergang nach wenigen Minuten unbehelligt fortsetzen. Eine Verfolgung gab es zu keinem Zeitpunkt“, stellt der Polizeihauptkommissar klar.

Er rät Nutzern sozialer Medien, nicht alle Nachrichten zu verbreiten. „Prüfen Sie den Inhalt der Nachricht, bevor Sie den Post liken oder teilen.“ Man könne sich auch jederzeit an die Polizei wenden, wenn man besorgniserregende Nachrichten erhält. Und er versichert: „Wir nehmen ihre Ängste ernst und sind stets für Sie ansprechbar.“

Christoph Driessen/Albrecht Kahl