Welches Medikament hilft? Forscher suchen weltweit nach einem Mittel gegen Covid-19

Von Christian Kunst, Anja Garms
Welches Medikament hilft? Foto: megaflopp - stock.adobe.com

Die Welt stemmt sich gegen das neue Coronavirus. Ein zielgerichtetes Medikament gegen die Lungenerkrankung Covid-19 gehört bislang nicht zum Arsenal im Kampf gegen die Pandemie. Doch die Forschung läuft auf Hochtouren. Experten setzen vor allem darauf, Medikamente einzusetzen, die bereits für andere Anwendungen erprobt sind. Diese müssten vor ihrer Zulassung nicht mehr so aufwendig getestet werden. Die meisten der klinischen Studien laufen in China, weil es dort die größte Anzahl an Patienten gibt, die teilnehmen können.

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Am häufigsten genannt wird derzeit das Malaria-Medikament Chloroquin, das auch gegen andere Viren wirken soll. US-Präsident Donald Trump ist in seiner typischen Art vorgeprescht und hat verkündet, dass die Medikamentenbehörde FDA die vom Bayer-Konzern hergestellte Arznei zugelassen habe. Das Medikament soll bald gegen Rezept ausgegeben werden. Parallel will die FDA in klinischen Studien prüfen lassen, wie effektiv das Mittel tatsächlich im Kampf gegen das Coronavirus ist. Laut Bayer wurden drei Millionen Tabletten an die USA gespendet. Auch Deutschland ist an dem Malariamittel interessiert: Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Regierung bei Bayer bereits „größere Mengen Chloroquin reserviert“.

Kritik an Trumps Aktionismus

Doch namhafte Wissenschaftler sehen insbesondere Trumps Aktionismus sehr kritisch. So nennt Trudie Lang, Direktorin des Global Health Network an der University of Oxford, die vorschnelle Zulassung in den USA wenig hilfreich. „Denn wir wissen noch nicht, ob das Medikament wirkt. Und indem es ungeprüft eingesetzt wird, könnte dies unsere Chance, eine Antwort auf diese Frage zu finden, erschweren. Denn dieser Einsatz geschieht außerhalb eines Forschungsrahmens, in dem wir verschiedene Medikamente so schnell, exakt, ethisch und sicher wie möglich vergleichen und kritisch hinterfragen können.“

In Deutschland geht man einen anderen Weg: So wollen Tübinger Mediziner Chloroquin erst klinisch testen. Bereits in der nächsten Woche soll mit einer Studie an Menschen begonnen werden. Klar ist bereits: Chloroquin gehört zu den Wirkstoffen, die nach der Sars-Epidemie 2002/2003 auf seine Wirkung gegen Coronaviren getestet wurde. Belgische Forscher berichteten ein Jahr später, dass Chloroquin die Fähigkeit des Sars-Coronavirus, Körperzellen krankhaft zu verändern, in Zellkulturen hemmt. Chinesische Forscher haben jetzt herausgefunden, dass das Mittel bei mehr als Hundert Patienten eine bessere Wirkung als ein Placebo erzielt habe. Konkrete Ergebnisse wurden jedoch nicht mitgeteilt.

Und jetzt berichten französische Forscher, dass Chloroquin bei 20 getesteten Covid-19-Patienten mit leichteren Verläufen Erfolge gezeigt habe. Doch an der Studie gibt es Kritik. So sagt der Virologe Christian Drosten: „Es gibt leider in dieser Studie mehrere Dinge, wo man diskutieren muss, ob man das so machen kann.“ Der schwerwiegendste Fehler ist laut dem Virologen der Berliner Charité, dass die Virenkonzentration im Hals gemessen wurde und nicht in der Lunge, wo die Krankheit ihr Epizentrum hat. Drosten hält es für nicht nachvollziehbar und belegbar, dass bei der behandelten Gruppe die Besserung aufgrund der Einnahme von Chloroquin eingetreten ist. Möglicherweise wären ähnliche Ergebnisse erzielt worden, hätte man den Patienten „kein Chloroquin gegeben, sondern irgendeine Kopfschmerztablette“. Sein Fazit: „Ich möchte nicht sagen, Chloroquin wirkt nicht. Aber so, wie diese Studie gemacht wurde, sind wir kein Stück schlauer.“

Dennoch gibt es Hoffnung: Schaut man bei ClinicalTrials.gov, der größten Datenbank zu klinischen Studien, nach Studien zu Covid-19, die in Vorbereitung sind oder bereits Teilnehmer aufnehmen, landet man derzeit bei deutlich mehr als 50 Treffern. In zahlreichen dieser Untersuchungen werden Medikamente oder Wirkstoffe getestet, die bereits im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen entwickelt und untersucht wurden – darunter neben Chloroquin das Hepatitis-Präparat Ribavirin und ein Mittel gegen Multiple Sklerose (Fingolimod).

Der Mainzer Intensivmediziner Prof. Dr. Christian Werner berichtet von zwei erfolgsversprechenden Ansätzen, um das Coronavirus direkt anzugreifen. „Die kann man sogar erwägen, wenn Patienten noch auf einer normalen Station liegen.“ Die erste Strategie setzt bei der Entzündungsreaktion an, die das Virus in Zellen auslöst. „Diese Reaktion wird durch Interleukine – körpereigene Botenstoffe der Zellen des Immunsystems – reguliert. Dagegen gibt es einen Antikörper, der gegen Interleukin-6 wirkt, das Schlüsselenzym hinter der Entzündungsreaktion bei Covid-19. Es gibt Berichte, dass dieser Interleukin-6-Antikörper in der Therapie von Covid-19-Patienten helfen könnte.“

Fünf Studien rund um Remdesivir

Die zweite Strategie setzt auf Virostatika, Medikamente wie das HIV-Medikament Kaletra oder das Ebola-Medikament Remdesivir, die gezielt auf Viren wirken. Remdesivir brachte aber in der klinischen Prüfung bislang keine guten Ergebnisse. Derzeit laufen fünf Studien – in China und den USA. Erste Patienten haben Remdesivir bereits erhalten, in den USA sind darunter Covid-19-Patienten von Bord der „Diamond Princess“, dem Kreuzfahrtschiff, das im Hafen von Yokohama in Japan unter Quarantäne gestellt worden war. Anfang April könnten erste Ergebnisse vorliegen.

Um klinische Studien kommt man also auch bei bekannten Mitteln nicht herum. Man spart aber bei der Zulassung eines Präparats im besten Fall Zeit. „In einem Zulassungsverfahren werden drei grundlegende Dinge geklärt, nämlich die Wirksamkeit, die Verträglichkeit und die technische Qualität eines Medikaments“, heißt es beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller. „Ist ein Medikament bereits für eine andere Anwendung zugelassen, ist die Verträglichkeit geprüft und die technische Qualität belegt. Nachgewiesen werden muss nach wie vor, dass das Mittel gegen die Krankheit wirkt.“ Bereits erforschte Wirkstoffe können also eventuell schneller in die Phase der klinischen Prüfung eintreten, in der das Mittel an größeren Patientengruppen getestet wird – und bei erfolgreicher Testung auch schneller zugelassen werden. Christian Kunst/Anja Garms