
Das sind wohlgemerkt nur die Firmen. Wie viele Mitarbeiter dahinterstehen, ist noch nicht absehbar. Sicher ist nur: „Wenn das so weitergeht, stellt diese Krise alles andere in den Schatten“, sagt Schmidt im Gespräch mit unserer Zeitung. Und das sei keine Panikmache. „Eher eine nüchterne Analyse.“ Denn seit rund zwei Wochen ist der Agenturchef im Dauerkrisenmodus. Und nicht nur er. „Die Mitarbeiter arbeiten sich einen Wolf. Ich muss aufpassen, dass die mir nicht irgendwann umkippen.“
Denn seit Tagen stehen die Telefone der Hotlines nicht mehr still. Firmenchefs, Arbeitnehmer, Soloselbstständige. Menschen, die um ihre blanke Existenz bangen. Und zwar quer durch alle Branchen. Ganz oben auf der Agenda der Fragen: Wie bekommen wir Kurzarbeitergeld? Und wie sieht es mit Grundsicherung für Selbstständige aus? „An vorderster Stelle stehen da natürlich die Gastronomen“, sagt Schmidt. Denen sind bekanntlich quasi über Nacht fast alle Einnahmen weggebrochen. „Das sind ja ohnehin oft kleine Betriebe, die auf Kante genäht sind“, weiß Schmidt aus Erfahrung.
Um die Servicenummern zu entlasten, haben die Arbeitsagentur Koblenz-Mayen und die Jobcenter in ihrer Trägerschaft Sonderrufnummern und spezielle E-Mail-Adressen eingerichtet.Sondertelefone der Agentur
Der Ansturm auf Kurzarbeitergeld ist so groß, dass erst mal alle anderen Aktivitäten der Arbeitsagentur massiv runtergefahren werden. Berufsberatung etwa. Und: Alle Geschäftsstellen sind mittlerweile geschlossen worden. Der persönliche Kontakt zu Kunden ist schon seit Mitte März nicht mehr möglich. Dazu sind eigens Sondertelefone eingerichtet worden. Alles andere muss per E-Mail erledigt werden. Schon jetzt ist die Zahl der Mitarbeiter, die sich mit dem Thema Kurzarbeitergeld befassen, vervierfacht worden. Und das ist erst der Anfang. „Es werden stündlich mehr“, sagt Schmidt.
Innerhalb der rund 200-köpfigen Kernbelegschaft der Arbeitsagentur Koblenz-Mayen wird das Personal dazu gerade kräftig umgeschichtet. „Alle Mitarbeiter, die gesund sind, bringen wir an die Hotlines zum Kurzarbeitergeld und in die Sachbearbeitung“, sagt Schmidt. Ein beispielloser Kraftakt.
Einnahmen weg, aber die Kosten laufen weiter: Damit haben Tausende Unternehmen im Land momentan zu kämpfen. Dabei geht es nicht selten um Existenzen. Wie lässt sich die Wirtschaftskrise überbrücken, ohne die Mitarbeiter entlassen zu müssen?Telefonaktion: Welche Hilfen gibt es?
Denn dazu müssen erst mal viele Mitarbeiter für ihre neuen Aufgaben qualifiziert werden. Und zwar in kürzester Zeit. „Die müssen wir fit machen, damit sie den riesigen Berg abarbeiten können, der sich aufgetürmt hat.“ Erschwerend hinzu kommt, dass viele im Homeoffice arbeiten. „Die werden dann per Skype geschult“, erklärt Schmidt. Die, die noch in der Agentur verharren, wechseln sich in Schichten ab, um das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus zu minimieren. Nicht auszudenken, wenn jetzt Dutzende Mitarbeiter ausfallen würden. Denn schon jetzt schieben fast alle Überstunden. Der Arbeitszeitrahmen ist schon erweitert worden, damit die Servicenummern 0800/455 55 00 (Arbeitnehmer) und 0800/455 55 20 (Arbeitgeber) werktags von 8 bis 18 Uhr besetzt werden können.
Immerhin: Die Kassen der Arbeitsagenturen, die jetzt angezapft werden, sind mit bundesweiten Rücklagen in Höhe von 26 Milliarden Euro prall gefüllt. „Geld ist definitiv nicht der limitierende Faktor“, betont Schmidt. Arbeitskraft schon. Denn die 2250 Anträge müssen erst mal bearbeitet werden. Auch wenn alles unbürokratisch ablaufen soll. Sind alle Unterlagen vorhanden? Hat bei größeren Unternehmen der Betriebsrat zugestimmt? Pro Fall könne die Prüfung von 30 Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Bei dem Berg lässt sich leicht ausrechnen, dass das nicht immer in 24 Stunden über die Bühne gehen kann.
„Wir machen alles Menschenmögliche“, betont der Agenturchef. „Aber Wunder können wir auch keine vollbringen.“ Schmidt will deshalb auch gar keine konkreten Versprechungen machen, wann das Geld auf dem Konto der Antragsteller ankommen wird. Vier Tage? Vier Wochen? Das kann derzeit niemand seriös beantworten.
Dirk Eberz