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Überstunden in der Krise: Wie Arbeitsagenturen von der Antragsflut getroffen werden
Aktenstapel
Stapel mit Akten. Foto: Stephanie Pilick/Archivbild
Stephanie Pilick/Archivbild. dpa

Frank Schmidt hat in seinem Beruf schon viele stürmische Zeiten erlebt. Der Leiter der Arbeitsagentur Koblenz-Mayen und seine Kollegen sind schon während der Finanzkrise 2008 und 2009 unter einer Flut an Anträgen auf Kurzarbeitergeld begraben worden. In der Spitze waren es 350 Fälle. Das ging an die Substanz. Der Mann ist also geeicht. Doch der Tsunami, der gerade über seine Behörde hereinbricht, ist auch für Schmidt ohne Beispiel. Allein in den vergangenen zwei Wochen ist bei der Arbeitsagentur, die für die Stadt Koblenz sowie die Kreise Ahrweiler, Cochem-Zell und Mayen-Koblenz zuständig ist, 2250-mal Kurzarbeitergeld beantragt worden. Und das praktisch von null: Im Februar lag die Zahl noch bei sieben.

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Stapel mit Akten. Foto: Stephanie Pilick/Archivbild
Stephanie Pilick/Archivbild. dpa

Das sind wohlgemerkt nur die Firmen. Wie viele Mitarbeiter dahinterstehen, ist noch nicht absehbar. Sicher ist nur: „Wenn das so weitergeht, stellt diese Krise alles andere in den Schatten“, sagt Schmidt im Gespräch mit unserer Zeitung. Und das sei keine Panikmache. „Eher eine nüchterne Analyse.“ Denn seit rund zwei Wochen ist der Agenturchef im Dauerkrisenmodus. Und nicht nur er. „Die Mitarbeiter arbeiten sich einen Wolf. Ich muss aufpassen, dass die mir nicht irgendwann umkippen.“

Denn seit Tagen stehen die Telefone der Hotlines nicht mehr still. Firmenchefs, Arbeitnehmer, Soloselbstständige. Menschen, die um ihre blanke Existenz bangen. Und zwar quer durch alle Branchen. Ganz oben auf der Agenda der Fragen: Wie bekommen wir Kurzarbeitergeld? Und wie sieht es mit Grundsicherung für Selbstständige aus? „An vorderster Stelle stehen da natürlich die Gastronomen“, sagt Schmidt. Denen sind bekanntlich quasi über Nacht fast alle Einnahmen weggebrochen. „Das sind ja ohnehin oft kleine Betriebe, die auf Kante genäht sind“, weiß Schmidt aus Erfahrung.

Der Ansturm auf Kurzarbeitergeld ist so groß, dass erst mal alle anderen Aktivitäten der Arbeitsagentur massiv runtergefahren werden. Berufsberatung etwa. Und: Alle Geschäftsstellen sind mittlerweile geschlossen worden. Der persönliche Kontakt zu Kunden ist schon seit Mitte März nicht mehr möglich. Dazu sind eigens Sondertelefone eingerichtet worden. Alles andere muss per E-Mail erledigt werden. Schon jetzt ist die Zahl der Mitarbeiter, die sich mit dem Thema Kurzarbeitergeld befassen, vervierfacht worden. Und das ist erst der Anfang. „Es werden stündlich mehr“, sagt Schmidt.

Innerhalb der rund 200-köpfigen Kernbelegschaft der Arbeitsagentur Koblenz-Mayen wird das Personal dazu gerade kräftig umgeschichtet. „Alle Mitarbeiter, die gesund sind, bringen wir an die Hotlines zum Kurzarbeitergeld und in die Sachbearbeitung“, sagt Schmidt. Ein beispielloser Kraftakt.

Denn dazu müssen erst mal viele Mitarbeiter für ihre neuen Aufgaben qualifiziert werden. Und zwar in kürzester Zeit. „Die müssen wir fit machen, damit sie den riesigen Berg abarbeiten können, der sich aufgetürmt hat.“ Erschwerend hinzu kommt, dass viele im Homeoffice arbeiten. „Die werden dann per Skype geschult“, erklärt Schmidt. Die, die noch in der Agentur verharren, wechseln sich in Schichten ab, um das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus zu minimieren. Nicht auszudenken, wenn jetzt Dutzende Mitarbeiter ausfallen würden. Denn schon jetzt schieben fast alle Überstunden. Der Arbeitszeitrahmen ist schon erweitert worden, damit die Servicenummern 0800/455 55 00 (Arbeitnehmer) und 0800/455 55 20 (Arbeitgeber) werktags von 8 bis 18 Uhr besetzt werden können.

Immerhin: Die Kassen der Arbeitsagenturen, die jetzt angezapft werden, sind mit bundesweiten Rücklagen in Höhe von 26 Milliarden Euro prall gefüllt. „Geld ist definitiv nicht der limitierende Faktor“, betont Schmidt. Arbeitskraft schon. Denn die 2250 Anträge müssen erst mal bearbeitet werden. Auch wenn alles unbürokratisch ablaufen soll. Sind alle Unterlagen vorhanden? Hat bei größeren Unternehmen der Betriebsrat zugestimmt? Pro Fall könne die Prüfung von 30 Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Bei dem Berg lässt sich leicht ausrechnen, dass das nicht immer in 24 Stunden über die Bühne gehen kann.

„Wir machen alles Menschenmögliche“, betont der Agenturchef. „Aber Wunder können wir auch keine vollbringen.“ Schmidt will deshalb auch gar keine konkreten Versprechungen machen, wann das Geld auf dem Konto der Antragsteller ankommen wird. Vier Tage? Vier Wochen? Das kann derzeit niemand seriös beantworten.

Dirk Eberz

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