Archivierter Artikel vom 02.07.2019, 22:28 Uhr
Köln

Talkshow-Auftritt nach Lübcke-Mord: Uwe Junges Abrüstungsmanöver

Das gibt es wohl selten in einer politischen Talkshow: Am Ende der ARD-Sendung „hart aber fair“ fragt Moderator Frank Plasberg die Runde, ob es noch irgendetwas gebe, das jemand geraderücken oder betonen wolle. Zwei Minuten habe man noch. Meist muss Plasberg seine Gäste bremsen. Diesmal sind sie oft sprachlos. So bleibt am Ende Zeit.

Christian Kunst/dpaLesezeit: 4 Minuten
Sieht so eine verbale Abrüstung aus, wie sie der rheinland-pfälzische AfD-Politiker Uwe Junge in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ gefordert hat? Kritiker bezweifeln dies.
Sieht so eine verbale Abrüstung aus, wie sie der rheinland-pfälzische AfD-Politiker Uwe Junge in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ gefordert hat? Kritiker bezweifeln dies.
Foto: Jens Weber, Twitter

Das mag am Thema liegen: „Aus Worten werden Schüsse: Wie gefährlich ist rechter Hass?“ Diese Frage stellte Plasberg nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am 2. Juni. Der politische Mord, das wurde sehr früh in der Sendung deutlich, schockiert zutiefst, macht Politiker wie NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sichtlich betroffen, wortkarg. Drohungen kenne auch er, „die machen einen nicht gerade glücklich“, sagt er knapp.

Es könnte aber auch an dem rheinland-pfälzischen AfD-Vorsitzenden Uwe Junge gelegen haben. Sein Auftritt in der ARD-Sendung hatte schon im Vorfeld heftige Reaktionen von Zuschauern ausgelöst. Auch Junges Mitdiskutanten Reul, Irene Mihalic von den Grünen, der Journalist Georg Mascolo und der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler wurden vor der Sendung teils scharf dafür kritisiert, ausgerechnet bei diesem Thema mit einem Vertreter der AfD in einer TV-Sendung zu diskutieren. Der rheinland-pfälzische SPD-Generalsekretär Daniel Stich drückte es am Dienstag auf Twitter so aus: „Mit einem wie Uwe Junge über die tödlichen Folgen des rechten Hasses zu reden, ist Irrsinn. Da macht man den Bock zum Gärtner.“

Kontrolle verloren

Zu allem Überfluss verlor der öffentlich-rechtliche Sender schon im Vorfeld der Talkshow die Kontrolle über das sensible Thema. Das Erste twitterte: „Die Redaktionen der Talksendungen bemühen sich insbesondere, AfD-VertreterInnen kein Forum für ihre Zwecke zu bieten. Je nach Thema ist es aber von Fall zu Fall nötig, AfD-PolitikerInnen selbst zu Wort kommen zu lassen.“ Daraufhin reagierte die Leiterin der Zuschauerredaktion bei Das Erste in München, Sabine Knott, ebenfalls auf Twitter: „Dieser Tweet war leider nicht mit der Redaktion von ,hart aber fair' abgestimmt. Dafür entschuldigen wir uns. Wir betonen, dass bei uns für alle Parteien dieselben Standards gelten. Im Übrigen entscheidet jede Redaktion für sich, wen sie zu welchem Thema einlädt.“ Für die AfD war dies eine Steilvorlage. Für den medienpolitischen Sprecher der AfD-Landtagsfraktion in Mainz, Joachim Paul, ist der Tweet ein „Eingeständnis der politischen Parteilichkeit“. Paul forderte eine Erklärung des SWR und kündigte „entsprechende parlamentarische Initiativen“ an.

Die ARD dürfte der rechtspopulistischen Partei mit diesem Kommunikationsdesaster gehörig in die Karten gespielt haben. Dies tat auch Moderator Frank Plasberg. Geradezu beispielhaft war der Schlussdialog zwischen Plasberg und Junge: „Herr Junge, Sie hatten in dieser Sendung tatsächlich das letzte Wort.“ Junge strahlt und sagt: „Freut mich.“ Plasberg sagt: „Ich hoffe, Sie hatten nicht den Eindruck, an einem Tribunal teilgenommen zu haben, sondern Fragen beantwortet zu haben.“

Man muss es nicht Tribunal nennen, doch in den vorhergehenden 75 Minuten ging es Plasberg und Teilen seiner Gäste ganz wesentlich darum, Junge und der AfD eine Mitverantwortung für die Radikalisierung der Rechten bis hin zum politischen Mord zu geben – was misslang. „Die Enthemmung der Sprache innerhalb der AfD bereitet den Nährboden dafür, dass sich radikalisierte Menschen berufen fühlen, ihren Worten auch Taten folgen zu lassen“, sagte die Grünen-Politikerin Mihalic. Sie und auch Plasberg konfrontierten Junge mit einem Tweet, in dem dieser davon sprach, dass „wir alle Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtiger, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur im Namen der unschuldigen Opfer zur Rechenschaft ziehen werden“. Vorgeworfen wurde ihm auch, dass die AfD die Kommentare zu einem eigenen Facebook-Post zu Walter Lübcke aus dem Jahr 2015, in denen zur Ermordung des CDU-Politikers aufgerufen wurde, erst zweieinhalb Wochen nach der Tat gelöscht hat.

Zum Opfer stilisiert

Doch Junge lässt die Vorwürfe an sich abprallen – mit einer Mischung aus kleinlauter Distanzierung, Abstreiten von Verantwortung, einem Verweis auf komplizierte Parteiausschlussverfahren und vor allem einer Umklammerungsstrategie. Junge zeigt ein Plakat mit seinem Bild, auf dem steht: „Ich bin verantwortlich für den Tod von Walter Lübcke.“ Er fragt, ob ein AfD-Politiker das nächste Opfer sein wird. „Wollen wir das so lange treiben? Oder wollen wir nicht abrüsten?“ Gewalt gebe es schließlich von rechts und links. Junge, der tatsächlich bereits körperlich angegriffen wurde, verwischt meist unwidersprochen die Grenzen zwischen Rechts- und Linksextremismus und stilisiert sich mehrmals selbst zum potenziellen Opfer – in einer Sendung, in der es um rechten Hass geht, ist das schon perfide.

Im Internet wurden Junge und Plasberg zerlegt. Auf der Facebook-Seite der „Hooligans gegen Satzbau“, die sich als digitale Antwort auf den Rechtsruck versteht, heißt es zu Junges Aufforderung zur verbalen Abrüstung: „Dann fangen Sie damit an.“ Dazu haben die Internetaktivisten eine Auswahl von Junge-Tweets gestellt. Sie sagt viel darüber aus, wie viel Uwe Junge tatsächlich von Abrüstung hält. Christian Kunst/dpa

Kommentar zur Lübcke-Talkshow: Solche wichtigen Debatten gehören ins Parlament

Der Aufstieg von Donald Trump vom TV-Star zum US-Präsidenten sollte eigentlich für alle Medienmacher eine deutliche Warnung sein. In den USA ist die Idee, dass sich die demokratische Debatte teilweise in TV-Talkshows und politische Sendungen verlagern ließe, längst kolossal gescheitert.

Christian Kunst zu Uwe Junges Auftritt Talkshow-Auftritt

Für Politiker wie Trump sind Fernsehsender nur Plattformen für ihre Propaganda, keine Diskussionsforen. Und weil er dort immer wieder Widerspruch erntete, schuf er sich eine Parallelwelt auf Twitter. Dort lässt sich meist unwidersprochen in der eigenen Echokammer hetzen und polemisieren. Trumps Gegner attackieren ihn in ihren eigenen Echokammern. So ist eine tiefe gesellschaftliche Spaltung entstanden, zwei Welten mit eigenen Realitäten und Wahrheiten, die sich sprachlos gegenüberstehen.

In Deutschland ist man auf dem besten Weg, den gleichen Fehler zu machen. Das liegt auch daran, dass TV-Journalisten wie Frank Plasberg wohl aus einer Form der Selbstüberschätzung glauben, gewiefte AfD-Politiker wie Uwe Junge in einer Talkshow stellen zu können. Doch dies kann nur misslingen, weil ein zwingender Faktencheck immer zu spät kommt, weil im Fernsehen viele Halbwahrheiten oft unwidersprochen in der Welt bleiben. Debatten über so schockierende Taten wie den Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke brauchen die Chance zur Reflexion. Sie gehören nicht ins Fernsehen, sondern dahin, wo Politiker über solche wichtigen Angelegenheiten reden: ins Parlament.

E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net

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