Berlin

Stress im Job: Fehltage häufen sich

Arbeitnehmer lassen sich immer häufiger und länger krankschreiben, vor allem weil die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz deutlich zugenommen haben.

Von Birgit Marschall
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Stress im Job
Viel Stress im Job und wenig Spaß am Job verlangen Berufstätigen viel Kraft ab.
Foto: Jens Schierenbeck

Die Zahl der Tage mit Arbeitsunfähigkeit nach Krankschreibungen in deutschen Unternehmen und Behörden ist in den vergangenen neun Jahren drastisch um mehr als 60 Prozent auf fast 560 Millionen gestiegen. Der dadurch ausgelöste volkswirtschaftliche Schaden nahm zwischen 2008 und 2016 sogar um 75 Prozent zu. Er betrug im vorvergangenen Jahr nach Angaben der Bundesregierung 75 Milliarden Euro, wie aus der Regierungsantwort auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht. Allerdings ist dabei die Preisentwicklung nicht berücksichtigt. Inflationsbereinigt ergebe sich aber immer noch ein Schadenszuwachs von mehr als 30 Prozent in den vergangenen 20 Jahren, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium.

Auch die Krankenkassen verzeichnen einen Anstieg des Krankenstands bis 2015, der sich in den Jahren danach aber vorerst nicht mehr fortsetzte. Die Ursachen des Anstiegs liegen an einigen positiven Trends, aber auch an Fehlentwicklungen. So hat die Zahl der Erwerbstätigen seit 2008 deutlich zugenommen. Allein deswegen sei die Zahl der Krankschreibungen stark gewachsen, argumentiert die Regierung. Hinzu kommt eine überdurchschnittliche Zunahme älterer Arbeitnehmer, deren Arbeitsunfähigkeit durchschnittlich mehr als doppelt so lang dauert wie bei den bis zu 39-Jährigen.

Allerdings zeigen die Daten auch, dass die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz erheblich zugenommen haben. Mehr Stress durch Zeit- und Leistungsdruck, Schichtarbeit oder mangelnde Wertschätzung durch Arbeitgeber und Vorgesetzte sind einige der negativen Einflussfaktoren. Da die Digitalisierung die Anforderungen in vielen Berufen weiter erhöhen wird und auch mehr Jobs infrage stellt, dürfte der Stress für viele Arbeitnehmer eher größer werden.

Frauen melden sich laut der Regierungsantwort häufiger krank als Männer. Im vergangenen Jahr lag der Anteil der krankgeschriebenen weiblichen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung an allen Versicherten durchschnittlich bei 4,42 Prozent, bei Männern waren es 3,99. Die häufigste Ursache für Krankschreibungen waren Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, die zwischen 2008 und 2016 um mehr als 60 Prozent zugenommen haben. Schon an zweiter Stelle stehen psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen, die im Vergleich zu 2008 um 125 Prozent geradezu explodiert sind.

In Rheinland-Pfalz haben sich Beschäftigte laut Barmer noch nie so oft wegen psychischer Leiden krankgemeldet wie 2017. Laut Barmer-Gesundheitsreport waren von allen gemeldeten Arbeitsunfähigkeitstagen in Rheinland-Pfalz 19,2 Prozent auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. 2011 lag der Anteil bei nur 17 Prozent, 2013 bei 17,4 Prozent, 2015 schon bei 18,4 Prozent.

„Beschäftigte dürfen nicht wie Verschleißteile behandelt werden. Immer mehr, immer schneller, immer unsicherer: Solche Arbeitsverhältnisse bringen Rekordgewinne, lassen Arbeitnehmer aber körperlich und seelisch ausbrennen“, sagte Linken-Politikerin Jutta Krellmann. Sie forderte ein Verbot von sachgrundlosen Befristungen und eine Anti-Stress-Verordnung. Beides wollen auch SPD und Grüne durchsetzen, FDP und Union sind dagegen.

Die Bundesregierung teilt die Auffassung nicht, dass die Arbeitsbedingungen zu mehr Krankmeldungen geführt haben. Psychische Erkrankungen würden heute häufiger diagnostiziert, weil die gesellschaftliche Akzeptanz dafür zugenommen habe. Auch die Arbeitgeber warnten vor Panikmache. „In Deutschland arbeiten heute mehr Menschen als je zuvor, also erhöht sich natürlich auch die Zahl der Krankheitstage. Gerade ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fallen statistisch länger aus“, sagte ein Sprecher der Arbeitgebervereinigung BDA. Dennoch bewege sich der Krankenstand seit eineinhalb Jahrzehnten zwischen 3,2 und 4,3 Prozent auf eher niedrigem Niveau. „Grund zur Panikmache gibt es also nicht.“

Von unserer Berliner Korrespondentin Birgit Marschall