Archivierter Artikel vom 04.03.2016, 22:23 Uhr
Bonn/Berlin

Sicherheitsrisiko Fessenheim: Störfall heruntergespielt?

Ein Störfall im französischen Atomkraftwerk Fessenheim nahe der deutschen Grenze war gravierender als bislang bekannt. Die französische Atomaufsicht ASN soll den Vorfall im April 2014 vor der Internationalen Atomenergiebehörde heruntergespielt haben, berichteten WDR und „Süddeutsche Zeitung“. Ein Wassereinbruch hatte damals die Elektrik beschädigt und zur Abschaltung eines Reaktors geführt. Ein Krisenstab entschied vorsichtshalber, den Reaktor durch Einleitung von Bor ins Kühlwasser notfallmäßig herunterzufahren.

Das Atomkraftwerk Fessenheim gilt als veraltet und sollte eigentlich schon Ende 2016 vom Netz. Jetzt steht die Anlage erneut in der Kritik.  Foto: dpa
Das Atomkraftwerk Fessenheim gilt als veraltet und sollte eigentlich schon Ende 2016 vom Netz. Jetzt steht die Anlage erneut in der Kritik.
Foto: dpa

Das Bundesumweltministerium hat mittlerweile bestätigt, dass die Steuerung der Anlage am 9. April 2014 durch einen Wasserschaden beeinträchtigt gewesen sein soll. Ein Experte des Ministeriums sagte, es habe einen Wasserschaden an den Schaltschränken gegeben. Eine „stufenweise Nachjustierung der Stellung der Steuerstäbe“ sei daher nicht mehr möglich gewesen. Er betonte aber: „Die Notfallabschaltung war nicht behindert.“

Ein Ausfall von Steuerstäben in einem Kernkraftwerk ist in Westeuropa bisher nicht vorgekommen, sagte Christian Küppers, Experte für Nukleartechnik und Anlagensicherheit beim Öko-Institut. Die Schnellabschaltung ist demnach vergleichbar mit einer „Vollbremsung beim Auto“. Der Reaktor sei zu schnell abgekühlt worden. „Da gibt es Vorgaben, gegen die hat man offenbar verstoßen.“

Laut Bundesumweltministerium gelangte das Wasser über Lüftungskanäle und Kabel in den Raum, in dem die Schaltschränke stehen. Die Bundesregierung ist nicht erst seit diesem Störfall unzufrieden mit der Atompolitik des Nachbarlandes, sagte ein Sprecher. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) habe bereits vor einem Jahr die Stilllegung des ältesten französischen Atomkraftwerkes gefordert. Man könne den Franzosen aber keine Vorschriften machen.

Leider seien von den französischen Behörden bislang keine „belastbaren Informationen“ gekommen. Einmal sei die Rede davon, dass das AKW 2017 vom Netz genommen wird. Dann heiße es, dass man erst die Fertigstellung eines neuen Kernkraftwerkes abwarten will. Er betonte: „Für uns sind solche alten Reaktoren ein Sicherheitsrisiko.“ Frankreichs Präsident François Hollande hatte im Wahlkampf versprochen, Fessenheim bis zum Ende seiner Amtszeit 2017 zu schließen und zwischenzeitlich sogar ein Aus bis Ende 2016 angekündigt. Ein Aus in diesem Jahr ist inzwischen vom Tisch, weil der Reaktor der neuen Generation in Flamanville mit viel Verspätung erst 2018 fertig sein soll. Wann Fessenheim nun vom Netz gehen soll, ist also weiter unklar.

Der Vorsitzende der Umweltschutzorganisation BUND, Hubert Weiger, kritisierte die Informationspolitik französischer und deutscher Behörden im Fall Fessenheim: „Die Bewertung von Störfällen ist wenig transparent und wird in der Tonlage von den Betreibern der AKW vorgegeben.“ Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Anton Hofreiter, sagte: „Dieser Zwischenfall in Fessenheim zeigt erneut: Deutschland ist umstellt von Schrottreaktoren.“

Die französische Atomaufsicht hatte wenige Tage nach dem Zwischenfall erklärt, der Wassereinbruch im nicht-nuklearen Teil der Anlage habe eines der zwei separaten Elektroniksysteme für die Notabschaltung beschädigt. Das zweite System habe aber weiterhin funktioniert.