Archivierter Artikel vom 07.08.2013, 11:11 Uhr

RZ-Kommentar: Wie die deutsche Bahnpolitik entgleist

Ursula Samary zum peinlichen Bahn-Dilemma

Ursula Samary.
Ursula Samary.

Ältere kennen den Werbeslogan der Bahn noch: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Dies ist lange vorbei. Wenn es heiß ist, fallen die Klimaanlagen aus. Beim ersten Frost frieren die Weichen ein. An „betriebsbedingte Störungen“ hat sich der leidgeprüfte Kunde bei einem der letzten Abenteuer in der Zivilisation schon gewöhnt. Dass die Bahn aber wegen Personalmangel tagelang abends und nachts den Hauptbahnhof der Landeshauptstadt Mainz lahmlegt, ist die größtmögliche Blamage für den angeblichen Weltkonzern. Hat die Personalnot auch den Beinahe-Zusammenstoß zweier S-Bahnen in Mainz provoziert, wäre dies unverantwortlich.

Denkbar, dass sich der Notstand noch mit der Politik von Ex-Chefmanager Hartmut Mehdorn erklären lässt, der die Bahn AG für den Börsengang schlank sparen wollte. Aber hat Nachfolger Rüdiger Grube seit 2009 dies geändert? Nach Schätzungen der Gewerkschaft fehlen in den Stellwerken an die 1000 Mitarbeiter. Der Konzern riskiert offenbar sehenden Auges den Totalausfall – auf Kosten seines Kapitals: der Kunden. Der Imageschaden alarmiert die Konzernspitze noch nicht einmal. Ein Krisenmanagement ist nicht zu erkennen, eine offensive Informationsstrategie auch nicht. Sprecher erklären achselzuckend, dass vermutlich von Montag an der Betrieb wieder normal läuft – wenn, ja, wenn genügend Fachpersonal gesund aus dem Urlaub kommt. Eine kompetente und kundenfreundliche Logistik sieht anders aus.

Dass inzwischen mehr Wettbewerb auf der Schiene herrscht, hilft diesmal auch nicht. Denn die Züge von Privatunternehmen bleiben auch im Depot, wenn die Personalplanung der DB Netz AG versagt, die notwendige Infrastruktur ausfällt und das Bundesunternehmen Leistung für Maut in Millionenhöhe schuldig bleibt. Die Bahn spricht in Mainz von einem unplanbaren Einzelfall wegen erhöhter Krankheitsfälle. Nur: Bei der Bundesnetzagentur häufen sich seit 2012 die Klagen über Stellwerksausfälle. Die Konsequenz: Die Behörde prüft – so lange, dass sie den Mainzer Totalausfall nicht verhindern konnte. Ist der nächste programmiert?

Die Bahn provoziert eine für sie fatale Entwicklung: Pendler, die mit dem Rheinland-Pfalz-Takt auf die Schiene umgestiegen sind, werden wieder aufs Gaspedal treten (müssen). Und frustrierte Reisende hoffen auf wachsende Bahn-Konkurrenz durch mehr Fernbusse – auf möglichst nicht kaputt gesparten Straßen.

E-Mail: ursula.samary@rhein-zeitung.net