Archivierter Artikel vom 14.06.2015, 19:58 Uhr

RZ-Kommentar: Clinton II möchte Champion der einfachen Leute werden

Man kann Hillary Clintons Reden eigentlich nur vor dem Hintergrund des Wahlduells 2008 sehen. Damals gab sie die erfahrene, in zahllosen Kämpfen erprobte Managerin der Politik, die sich mit den Mechanismen der Macht bestens auskennt und aus eigener Anschauung weiß, wie hart das Leben im Weißen Haus sein kann, zu hart für ein Greenhorn wie Barack Obama.

Frank Herrmann.
Frank Herrmann.
Foto: Rhein-Zeitung

Frank Herrmann 
zum Auftritt von Hillary Clinton

Was fehlte, war ein Leitmotiv. Es fehlte etwas von der Art, was Obama skizzierte, indem er über alle Gräben hinweg die Wiedervereinigten Staaten von Amerika beschwor. Und während der Außenseiter die Herzen eroberte, indem er facettenreich aus seiner Biografie erzählte – der Vater aus Kenia, die Mutter aus Kansas, um nur zwei Stichpunkte zu nennen -, zog es die Favoritin vor, ihre Familiengeschichte weitgehend auszublenden.

Clinton II, wie sie sich zu Beginn des Wahlmarathons 2016 präsentiert, hat daraus ihre Lehren gezogen. In ihrer ersten Kampagnenrede war alles einer einzigen Leitmelodie untergeordnet. Dem Wiederaufstieg der Mittelschichten. Der Warnung vor einem Amerika, das sich in die soziale und wirtschaftliche Sackgasse begibt, wenn es die Schere zwischen Großverdienern und dem großen Rest der Gesellschaft immer weiter auseinanderklaffen lässt. Unter einer Präsidentin Clinton soll sich der Trend umkehren, auch wenn die Kandidatin Clinton einstweilen offenlässt, was sie konkret gegen die wachsende Ungleichheit zu tun gedenkt.

Mit der Art, wie sie die Akzente setzt, reagiert sie zumindest auf den Trend in der eigenen Partei. Die Demokraten sind nach links gerückt, ihre Seele wärmt die Senatorin Elizabeth Warren, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Wall Street in die Schranken zu weisen. Und Clinton muss zunächst den Ausscheid in den eigenen Reihen gewinnen, bevor sie ins Finale gegen den Bewerber der Republikaner ziehen kann.

Dass sie auf einmal von der bitteren Kindheit ihrer Mutter erzählt, liegt zum einen an den ungeschriebenen Gesetzen amerikanischer Wahlkämpfe. Wer mit Persönlichem geizt, läuft Gefahr, schnell ins Hintertreffen zu geraten. Umso besser, wenn die Geschichten von schweren Anfängen und harter Arbeit, von Fleiß und Neuerfindung handeln. Clintons Botschaft ist die: Sie kann ein Champion der einfachen Leute sein, weil sie selbst aus einfachen Verhältnissen stammt – mag sie auch seit mehr als zwanzig Jahren in der Chefetage des politischen Establishments sitzen.

E-Mail: frank.herrmann@rhein-zeitung.net