Archivierter Artikel vom 07.03.2015, 15:44 Uhr

RZ-JOURNAL Reise zu den Textilfabriken: Eine billige Masche

Savar im April 2013: Eine riesige Kleidungsfabrik stürzte ein, 1138 Tote, fast 2500 Verletzte – die Welt schrie auf angesichts der Zustände in Bangladesch. Nun, zwei Jahre später, war unser Redakteur Johannes Bebermeier vor Ort; er hat Fabriken besucht, mit Näherinnen und Wirtschaftsbossen gesprochen, Hilfsprojekte kennengelernt und zieht ein ernüchterndes Fazit.

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Vor zwei Jahren starben in Bangladesch beim Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes 1138 Menschen. Sie nähten in dem maroden Gebäude Kleidung für Käufer aus der westlichen Welt. Deutschland ist bis heute zweitbester Kunde des Landes. Unser Autor reiste nach Bangladesch, um zu recherchieren, ob sich die Arbeitsbedingungen in den Fabriken seit dem Unglück verbessert haben.
Vor zwei Jahren starben in Bangladesch beim Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes 1138 Menschen. Sie nähten in dem maroden Gebäude Kleidung für Käufer aus der westlichen Welt. Deutschland ist bis heute zweitbester Kunde des Landes. Unser Autor reiste nach Bangladesch, um zu recherchieren, ob sich die Arbeitsbedingungen in den Fabriken seit dem Unglück verbessert haben.
Foto: Thomas L. Kelly/GIZ

In Bangladesch wird Kleidung für die westliche Welt genäht. Die Deutschen sind die zweitbesten Kunden. Vor zwei Jahren löste der Fabrikeinsturz von Rana Plaza mit 1138 Toten Bestürzung über die schlimmen Arbeitsbedingungen aus. Hat sich die Textilbranche seitdem gewandelt?

Plötzlich knallt es. Runa Akhter rennt los, und während sie rennt, sackt der Boden unter ihren Füßen weg, aus Rennen wird Fallen, sie fällt und fällt und fällt, und irgendwann ist sie nicht mehr im siebten, sondern im zweiten Stock des Rana Plaza. Stille. Ihre Nase berührt Beton, vielleicht den Boden, vielleicht die Decke, vielleicht die Wand. Sie versucht, sich zu bewegen, doch etwas klemmt ihre Beine ein: eine Nähmaschine.

Rana Plaza ist zum Symbol geworden für das Elend in Bangladeschs Textilindustrie. 1138 Menschen sterben am 24. April 2013 in den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik, fast 2500 werden verletzt. Es ist das bisher schlimmste Fabrikunglück in der Geschichte des südasiatischen Landes.

Runa Akhter, 25, überlebte den Fabrikeinsturz von Rana Plaza.
Runa Akhter, 25, überlebte den Fabrikeinsturz von Rana Plaza.

Schon am Abend zuvor hatte Runa Akhter die Katastrophe kommen sehen. Sie schaute die Nachrichten im Fernsehen, als es auf einmal um ihre Fabrik ging. Die Bilder zeigten Risse in dem neunstöckigen Gebäude in Savar, 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Dhaka. Also überlegte sie sich, am nächsten Tag zu Hause zu bleiben, man weiß ja nie.

Doch am Morgen meldet sich ihr Schichtleiter. Die Probleme seien behoben, sagt er, alles wieder okay. Also geht sie doch zur Arbeit. In der Fabrik angekommen, will sie sich gerade an ihre Nähmaschine setzen, als es gegen 8.30 Uhr passiert. Der Strom fällt aus, die Generatoren, die hier auf jedem Stockwerk stehen, springen an – und ihre Vibrationen geben dem maroden Gebäude den Rest.

Runa Akhter wird verschüttet, ihr rechter Arm bricht mehrfach. Doch nach fünf Stunden in den Trümmern schaffen es Kollegen, sie ans Tageslicht zu schleppen. Sie hat Glück, sie überlebt. Doch nicht nur eine Narbe am Arm, auch die Erinnerung bleibt. Heute, fast zwei Jahre nach dem Unglück, erzählt Runa Akhter von diesem Tag. Sie ist nach Dhaka gekommen und steht jetzt in einem Hochhaus, obwohl sie seit dem Unglück vor Hochhäusern Angst hat. Sie will ihre Geschichte erzählen, ist kaum zu stoppen, wenn sie einmal angefangen hat. Mal gestikuliert sie dabei, mal verschränkt sie die Arme. Sie spricht mit fester Stimme, etwas Trotz schwingt mit: Ich habe überlebt, so schnell gebe ich nicht auf, es geht weiter.

Es geht weiter. Das gilt auch für Bangladeschs Textilindustrie nach Rana Plaza. Doch was hat sich seit dem Unglück verändert? Wer in Bangladesch danach fragt, bekommt unterschiedliche Antworten. Die einen sagen: In vielen Fabriken ist viel passiert. Die anderen sagen: In zu vielen Fabriken ist viel zu wenig passiert. Um nicht zu sagen: nichts.

Atiqul Islam ist einer von denen, die am liebsten über die schönen Seiten der Textilwelt in Bangladesch sprechen. Das ist sein Job. Er ist Präsident des Unternehmerverbands BGMEA und damit einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse des Landes überhaupt. Schnauzbart, grauer Maßanzug, roter Calvin-Klein-Schal. Zum Geschäftsessen im edlen türkischen Restaurant „Istanbul“ im diplomatischen Viertel Dhakas kommt er später als alle anderen und geht früher. Den ganzen Tag ist er von Meeting zu Meeting geeilt, nach dem Essen will er noch in einer Fernsehtalkshow auftreten. Seit 8 Uhr morgens habe er nichts mehr gegessen, sagt er.

Atiqul Islam ist der Präsident des Verbands der Textilunternehmer. Er sagt, nach dem großen Unglück sei heute eigentlich alles gut in den Fabriken. Das ist sein Job, auch wenn es nicht stimmt.
Atiqul Islam ist der Präsident des Verbands der Textilunternehmer. Er sagt, nach dem großen Unglück sei heute eigentlich alles gut in den Fabriken. Das ist sein Job, auch wenn es nicht stimmt.

Dann spult er seine Geschichte vom Siegeszug der Textilbranche ab: Damals, 1982, habe Bangladesch mit einem Textilexport im Wert von 12 000 Dollar begonnen, für den 40 Arbeiter neun Monate genäht hätten. Heute exportiere die Branche Kleidung im Wert von 25 Milliarden Dollar im Jahr. Der Kleidungssektor macht 68 Prozent des gesamten Exports des Landes aus. Deutschland ist nach den USA der beste Kunde. Rund vier Millionen Arbeiter verdienen Lohn und Reis in den Textilfabriken, 80 Prozent sind Frauen. „Ohne Arbeit sind die Frauen eine Last für ihre Familien. Für die Näherinnen bedeutet ihre Arbeit in den Textilfabriken Würde und Freiheit“, sagt der Textilfürst und lächelt dabei, als sei er ein Wohltäter und kein Geschäftsmann.

Es ist nicht so, dass Atiqul Islam nicht auch selbstkritische Dinge über seine Branche sagen würde. Aber wer ihm zuhört, bekommt den Eindruck, dass vor Rana Plaza zwar ziemlich viel Schlechtes passiert war, dass aber jetzt plötzlich alles wunderbar ist. Und für diese Kehrtwende braucht er nur wenige Sätze:

  • „Die vergangenen 30 Jahre haben wir uns für die Sicherheit in den Fabriken nicht interessiert, das war die Realität.“
  • „Rana Plaza hat unsere Geisteshaltung verändert.“
  • „Früher wusste niemand, was eine Brandschutztür ist, heute weiß es jeder.“
  • Und dann ist er auch schon an dem Punkt angekommen, an dem er betont, wie sicher doch die Betriebe inzwischen seien: „Bei weniger als 2 Prozent wurde die Sicherheit beanstandet.“

Das Problem ist: Das ist nur die halbe Wahrheit, wenn überhaupt.

Die Textilindustrie in Bangladesch ist ein Opfer ihres Erfolgs. Sie ist in unglaublich kurzer Zeit unglaublich schnell gewachsen. Der Staat hat es nicht geschafft, all die neuen Unternehmen auch nur in einer Liste zu registrieren. So sind bis heute ungefähr 5000 Textilfabriken entstanden, die sich grob in drei Kategorien einteilen lassen: die Hinterhof-Fabriken, die Zulieferer-Fabriken und die Vorzeige-Fabriken. Von den Hinterhof-Fabriken gibt es ungefähr 1500. Sie sind nicht staatlich registriert und werden ohne Lizenz in Wohnhäusern oder eben Hinterhöfen betrieben. Die Sicherheit und Bezahlung der Näherinnen wird nicht kontrolliert. Niemand weiß so recht, unter welchen Bedingungen die Menschen dort arbeiten. Und niemand weiß, ob durch eine Nähmaschine, die in Brand gerät, nicht schon bald wieder Menschen sterben. Weil der Eigentümer zwar vielleicht schon einmal etwas von einer Brandschutztür gehört, er aber sicherlich keine in seine Hinterhof-Fabrik eingebaut hat.

Wenn Atiqul Islam von den nur 2 Prozent der Betriebe spricht, die unsicher sind, dann blendet er die 1500 Hinterhof-Fabriken aus. Sie sind natürlich auch nicht Mitglied in seinem Verband. Doch er blendet noch weitere 1500 aus, nämlich die Zulieferer-Fabriken. Sie haben – genau wie die Hinterhof-Fabriken auch – niemals Kontakt zu den internationalen Einkäufern der Modeunternehmen, die für Konzerne in Bangladesch Kleidung produzieren lassen. Sie beliefern ausschließlich andere Betriebe als Unterauftragnehmer, sind aber staatlich registriert. Und eigentlich ist vorgesehen, dass Arbeitsinspektoren des Staates dafür sorgen, dass dort die Mindeststandards für Sicherheit, Soziales und Umwelt eingehalten werden. Aber ein Staat, der nicht einmal alle Fabriken registrieren kann, ist natürlich auch damit überfordert. Vor dem Unglück von Rana Plaza gab es 30 staatliche Arbeitsinspektoren. Inzwischen sind es fast 200, und es sollen noch mehr werden. Ausreichend ist das für 5000 Fabriken noch immer nicht.

Atiqul Islam spricht ausschließlich über Vorzeige-Fabriken, wenn er sagt, dass nur 2 Prozent von ihnen unsicher sind. Es gibt ungefähr 2000 Vorzeige-Fabriken, sie machen also nur 40 Prozent aller 5000 aus. Diese Betriebe genügen weitgehend den internationalen Standards für Sicherheit, Soziales und Umwelt. Das wird kontrolliert von zwei Organisationen, zu denen sich 2013 nach Rana Plaza internationale Einkäufer zusammengeschlossen haben. Der eine Zusammenschluss nennt sich Accord und versammelt die Europäer, der andere heißt Alliance und versammelt die Nordamerikaner. Beide kontrollieren ihre Fabriken mit eigenen Experten, die eine erste Prüfung aller ihrer Betriebe inzwischen fast abgeschlossen haben. Allerdings haben sich Accord und Alliance 2013 nur für fünf Jahre verpflichtet, diese Aufgaben wahrzunehmen. Danach soll der Staat das übernehmen. Soll.

Nicht nur die Sorge um die Zeit nach Accord und Alliance führt dazu, dass viele in Bangladesch die Branche pessimistischer sehen, als Atiqul Islam es tut. Auch wenn niemand gern deutlich wird bei dem Thema. Die Haltung kommt jedoch zum Vorschein in Sätzen wie diesen: „Wenn Bangladesch alles umsetzen könnte, was in Gesetzen steht, wäre viel gewonnen. Das Problem ist die Kontrolle.“ Und: „Die größte Herausforderung ist, die Lieferketten transparent zu machen.“ Das sagen sowohl Leute, die lange als Berater in der Branche tätig sind, als auch Leute, die für internationale Firmen Kleidung in Bangladesch ordern.

Die undurchsichtigen Lieferketten sind es, die es auch Verbrauchern schwer machen zu entscheiden, welches T-Shirt sie mit gutem Gewissen kaufen können. Das Problem: Westliche Unternehmen bestellen ihre T-Shirts natürlich nicht direkt bei den Hinterhof-Fabriken, denen, die illegal arbeiten und in denen die Arbeitsbedingungen am schlechtesten sind. Das können sie gar nicht, denn diesen Fabriken fehlt ohne staatliche Registrierung und ohne Mitgliedschaft in einem Unternehmerverband auch die Lizenz, ihre Waren zu exportieren.

Trotzdem kann es sein, dass ein T-Shirt, das in Deutschland zu kaufen ist, in einer Hinterhof-Fabrik produziert wurde. Das funktioniert so: Das Modeunternehmen bestellt bei einer Vorzeige-Fabrik 200 000 T-Shirts, die in vier Wochen in den Regalen liegen sollen. Die Vorzeige-Fabrik hat aber nicht genug Kapazitäten, um die Kleidung in dieser Zeit zu dem vereinbarten Preis zu fertigen. Also gibt sie den Auftrag an eine Zulieferer-Fabrik weiter. Und wenn die Zulieferer-Fabrik es gerade auch nicht schafft, die Ware zu den Konditionen zu produzieren, landet der Auftrag bei einer Hinterhof-Fabrik.

Und so kann es sein, dass das T-Shirt, das eigentlich in einer Vorzeige-Fabrik bestellt wurde, letztlich doch aus einer Hinterhof-Fabrik stammt. Je weiter der Auftrag diese Lieferkette hinunterwandert, desto heftiger ist der Preiskampf zwischen den Fabriken und desto prekärer sind die Bedingungen für die Näherinnen. Die Modeunternehmen beteuern zwar, solche Unterauftragnehmer in ihren Verträgen mit den Fabriken ausdrücklich zu verbieten. Doch kontrollieren kann das im Moment niemand, das geben die Unternehmen selbst zu.

Einige Näherinnen und Näher treffen sich nach der Arbeit in privat organisierten Frauencafés. Dort lernen sie unter anderem mit einem Brettspiel, welche Rechte ihnen in ihren Fabriken zustehen und wie sie sie von ihrem Chef einfordern können.
Einige Näherinnen und Näher treffen sich nach der Arbeit in privat organisierten Frauencafés. Dort lernen sie unter anderem mit einem Brettspiel, welche Rechte ihnen in ihren Fabriken zustehen und wie sie sie von ihrem Chef einfordern können.
Foto: Thomas L. Kelly/GIZ

Was hat sich in Bangladeschs Textilindustrie seit Rana Plaza verändert?

Dhaka am frühen Abend in einem Viertel, in dem sich Wohnhäuser, kleine Geschäfte und eine Autowerkstatt aneinanderreihen. Aus einem der hohen, schmalen Gebäude schallen Gelächter und Applaus auf die Straße. Wer das Haus betritt und die Stufen bis ins zweite Stockwerk erklimmt, findet die Quelle. Dutzende Paare Schuhe und Sandalen stehen vor einer geöffneten Eingangstür, die den Blick in Räume freigibt, in denen in Deutschland eine Person komfortabel leben würde. Hier in Dhaka tummeln sich ungefähr 50 Menschen darin, viele Frauen und ein halbes Dutzend Männer. Sie sitzen in mehreren Grüppchen auf dem Boden, in ihrer Mitte steht ein Brettspiel. Sie würfeln, schieben ihre Spielsteine übers Brett, ziehen Karten und beantworten die aufgedruckten Fragen. Sie lachen dabei viel, beklatschen jede richtige Antwort.

Und sie lernen. Es sind Näherinnen, die hier nach der Arbeit zusammenkommen, in einem von 45 Frauencafés in Bangladesch. Das Brettspiel heißt Ludu, und es dient nicht nur der Entspannung nach dem Fabrikalltag. Hier wird es in einer Variante gespielt, für die man Wissen braucht, das im Idealfall das Leben der Spieler verändert: Wissen über das Arbeitsrecht. Denn wer erklärt den Näherinnen sonst, dass ihnen ein Mindestlohn zusteht, ihre Arbeitszeit gesetzlich geregelt ist, und ihre Nähmaschine einen Schutzbügel am Fadengeber haben muss?

Taslima Begum ist eine der Näherinnen, die heute gekommen sind. Sie ist angestellt in einer Fabrik, in der rund 400 Menschen arbeiten. Kein wirklich kleiner Betrieb, aber auch kein wirklich großer. Sie wohnt direkt neben der Fabrik, wie die meisten der Textilarbeiter. Um jedoch zum Frauencafé zu kommen, muss sie mehr als eine halbe Stunde mit dem Bus fahren. „Ich komme, weil mir hier geholfen wird“, sagt sie. Wenn sie ein Problem bei der Arbeit hat, bekommt sie hier Rat. Und natürlich kommt sie auch, um Ludu zu spielen.

Taslima Begum, 35, kämpft dafür, dass sie als Näherin mehr verdient.
Taslima Begum, 35, kämpft dafür, dass sie als Näherin mehr verdient.

Heute geht es Taslima Begum ums Geld. Sie arbeitet schon fünf Jahre in ihrer Fabrik und bekommt mit umgerechnet rund 58 Euro im Monat immer noch unwesentlich mehr als den Mindestlohn für ungelernte Hilfsarbeiter. Der liegt bei 50 Euro, jede Überstunde muss mit dem doppelten Stundenlohn bezahlt werden. Sechs Tage die Woche darf gearbeitet werden. Acht Stunden inklusive einer Stunde Pause am Tag ist die Regelarbeitszeit, zwei Überstunden täglich erlaubt das Gesetz.

Taslima Begum möchte mehr verdienen, möchte erreichen, dass ihr Lohn ihrem Können entspricht. Sie hat sich Rat geholt, wie sie das am besten aushandelt. Dass sie mehr Überstunden macht, als erlaubt ist, scheint sie normal zu finden. Statt 58 Euro nimmt sie am Ende des Monats durch die Überstunden zwischen 80 und 90 Euro mit nach Hause. In der Regel arbeitet sie von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Zwölf Stunden statt der erlaubten zehn. „Ich werde sonst nicht fertig mit meiner Arbeit“, sagt sie. Wahrscheinlich ist sie auf das zusätzliche Geld aber auch angewiesen, um sich mit ihrem Mann und ihrer Tochter ein erträgliches Leben leisten zu können.

Es gibt viele Taslima Begums in Bangladesch. Wer selbst in Vorzeige-Fabriken die Näherinnen fragt, wie lange sie arbeiten, wird nur selten eine Stundenzahl hören, die das Gesetz erlaubt. Und er wird häufig hören, dass die Näherinnen schuften, damit das Geld ausreicht. Seit Rana Plaza ist der Mindestlohn zwar von 30 auf 50 Euro angehoben worden. Doch in Bangladesch braucht man für ein gutes Leben im Monat ungefähr 160 Euro. Und nicht 50 Euro.

Die Frauencafés können diese Lücke nicht schließen. Sie können Taslima Begums Chef auch nicht zwingen, sie besser zu bezahlen. Aber sie können den Frauen sagen, welche Rechte sie haben, und ihnen Mut machen, sie einzufordern. So lange zumindest, wie den Einrichtungen nicht das Geld ausgeht. Denn sie werden nicht vom Staat betrieben, sondern von privaten Organisationen. Sie sind auf Unterstützung angewiesen, so wie die gesamte Textilindustrie Bangladeschs.

Eine typische Produktionslinie in einer Vorzeige- Fabrik in Dhaka: Jede Näherin ist nur für bestimmte Nähte an einem Kleidungsstück zuständig.
Eine typische Produktionslinie in einer Vorzeige- Fabrik in Dhaka: Jede Näherin ist nur für bestimmte Nähte an einem Kleidungsstück zuständig.

Viele Nichtregierungsorganisationen, aber auch viele westliche Staaten tummeln sich in der Branche. Sie leisten Entwicklungshilfe, weil der Staat überfordert ist. Aus Deutschland unterstützt die GIZ, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, mit Geld aus dem Entwicklungsministerium Projekte wie die Frauencafés. Sie versucht Fabriken aber auch dazu zu bringen, Energie einzusparen oder Näherinnen mit Behinderung zu integrieren.

Es fehlt aber an noch viel Grundlegenderem. So bildet die GIZ für den Staat die Arbeitsinspektoren aus, die irgendwann einmal ganz allein 5000 Textilfabriken kontrollieren sollen. Und sie kauft ihnen Motorräder, damit die Inspektoren das unangekündigt tun können. Früher, so hört man, sollen sie von einem Fabrikchauffeur abgeholt worden sein, um den herausgeputzten Betrieb zu besichtigen und dort vielleicht noch ein Mittagessen zu bekommen. Noch immer liegt Bangladesch für Transparency International in der Rangliste der Staaten mit der geringsten Korruption auf einem miserablen Platz 145 von 175.

Was hat sich in Bangladeschs Textilindustrie seit Rana Plaza verändert? Ist nun viel passiert in vielen Fabriken? Oder ist in zu vielen Fabriken viel zu wenig passiert? Letztlich stimmt wohl beides.

Runa Akhter, die heute 25 Jahre alte Frau, die Rana Plaza überlebte, interessiert das alles vermutlich nicht mehr so sehr. Für sie ist die Zeit als Näherin vorbei. Sie steht noch immer in dem Hochhaus in Dhaka, obwohl sie seit dem Unglück vor Hochhäusern Angst hat, und erzählt ihre Geschichte. Es ist ein besonderes Hochhaus für sie. Es gehört zu der Rehabilitationsklinik CRP, die auch mit der GIZ zusammenarbeitet. Die private Klinik behandelt Menschen, die dafür zahlen können, aber auch solche, die das nicht können. Nach Rana Plaza kümmerten sich die Ärzte der Klinik um Runa Akhters Gesundheit.

Aber die Klinik half ihr und vielen anderen Rana-Plaza-Opfern auch dabei, wieder Geld zu verdienen. Runa Akhter hat nach dem Unglück nämlich nicht nur Angst vor Hochhäusern, sondern – wie die meisten Überlebenden – auch davor, wieder in einer Textilfabrik zu arbeiten. Um Geld zu verdienen, wollte sie deshalb lieber ein kleines Lebensmittelgeschäft betreiben, wie es sie in Bangladesch viele gibt. Bei CRP lernte sie einen Monat lang, wie sie einen solchen Laden führt, und bekam für den Start Geld, um ihn zu eröffnen.

Ein paar Straßen entfernt von dem Ort, an dem Rana Plaza einstürzte, hat Runa Akhter nun seit sechs Monaten ihr eigenes kleines Geschäft. Sie hat sich ein Ladenlokal gemietet und einen Kühlschrank für die Lebensmittel gekauft. Reis, Zucker, Getränke und andere Dinge bietet sie nun dort an. Von 6 bis 23 Uhr kann man bei ihr einkaufen, ihr Bruder hilft ihr ab und zu im Laden. Am Ende des Monats hat sie 100 Euro in der Geldbörse. Als Näherin arbeitete sie von 8 bis 20 Uhr und verdiente 89 Euro.

Runa Akhter arbeitet heute viel mehr als früher und verdient nicht viel mehr Geld. Von den 160 Euro für ein gutes Leben in Bangladesch ist sie noch weit entfernt. Aber sie kann selbst entscheiden, was sie in ihrem Laden verkauft und wie lange sie ihn öffnet. Und sie muss nicht mehr zurück in eine Textilfabrik. Sie lächelt, wenn sie von ihrem neuen Leben erzählt, ihrem Leben ohne Nähmaschine: „Ich bin glücklich.“

JOHANNES BEBERMEIER