Archivierter Artikel vom 28.10.2018, 20:35 Uhr

RZ-Chefredakteur zur Landtagswahl: „Hessen zeigt, was in Berlin möglich wäre“

Ein einziges Bild aus dem hessischen Landtagswahlkampf geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Ministerpräsident Volker Bouffier reitet im Taunus-Wunderland auf dem übergroßen Schaukel-Huhn eines Fahrgeschäftes und grinst dabei verlegen in die Kamera. Wie verzweifelt müssen gestandene Politiker in diesen Tagen sein, wenn sie sich nicht entblöden, mit jeder noch so absurden Idee auf Stimmenfang zu gehen. Weil ihre politischen Botschaften (und manchmal auch Erfolge) in einer aufgepeitschten, angewiderten Öffentlichkeit keinen Widerhall mehr finden.

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Neben Frau Merkel hat die Union auch noch andere große Politikerpersönlichkeiten aufzubieten. pic.twitter.com/ram26x8NMM

— Steinhoefel (@Steinhoefel) 10. August 2018
Dabei gilt der eher besonnene hessische Merkel-Freund, anders als seine Vorgänger Roland Koch oder Alfred Dregger (in den 70er-Jahren), keineswegs als CDU-Fürst, dem das Etikett des „Sozen- und Grünen-Fressers“ anhaftet. Im Gegenteil: Bouffier schaffte mit dem ersten schwarz-grünen Bündnis in Hessen in fünf Jahren geräuschlos etwas, das man weder ihm, noch den hessischen Grünen auf Dauer zugetraut hätte. Schwarz-Grün räumte mit dem Trauma von den „hessischen Verhältnissen“ auf, aus Bouffier und Al-Wazir wurden Volker und Tarek: zwei auf Augenhöhe aus höchst unterschiedlichen Lagern, die dennoch miteinander können. Das Ergebnis: unterm Strich eine respektable Gesamtleistung. 60 Prozent der Hessen sind zufrieden mit der Regierungsarbeit, auch wenn die Grünen so manche Kröte wie den weiteren Flughafenausbau schlucken mussten.

Chefredakteur Peter Burger
Chefredakteur Peter Burger
Foto: Jens Weber

Im Wahljahr 2018 aber ist alles ganz anders: Auch wenn die Landesthemen Bildung, bezahlbarer Wohnraum, Asylpolitik und Fluglärm eine Rolle spielen sollten – quittiert haben die Hessen vor allem erneut die Berliner Zoff- und Zumutungspolitik: von den Dauerquerelen in der GroKo über die Personalie Maaßen bis hin zur Dieselaffäre, die in Frankfurt mit täglich 362.000 Pendlern eine besondere Rolle spielt. Außerdem: Nach dem Berliner auch das bayerische „Weiter so“ verleitete viele Wählerinnen und Wähler dazu, es CDU und SPD noch einmal schriftlich zu geben: „Aber wir wollen so nicht weitermachen!“ Wohl wissend, ja strategisch bewusst kalkulierend, dass damit möglicherweise die Große Koalition in Berlin platzt und die mehr als angezählten Parteichefinnen Angela Merkel (CDU) und Andrea Nahles (SPD) das Handtuch werfen würden. Der erneut glücklose SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel nach dem dritten Anlauf gleich mit.

Gleichem Ziel dienten offenkundig auch die Proteststimmen für AfD und Linke. Auch die Liberalen profitierten – weniger aus eigenem Vermögen – von der Sehnsucht nach einem politischen Gegenentwurf. Unumstrittener Sieger jedoch sind die Grünen: Ihr Höhenflug hält weiter an, getragen von einer Welle der Sympathie für junge, frische, unverbrauchte und medial überzeugende Gute-Laune-Köpfe, denen dieser trockene Endlos-Sommer als für jeden fühlbarer Fingerzeig des Klimawandels einen grandiosen goldenen Herbst beschert. Anders als in Bayern aber dürfen die hessischen Grünen ihren Erfolg sehr selbstbewusst ernten – in einer erneuten Koalition mit einer kollabierenden CDU, der die FDP mit dem Sauerstoffgerät zur Hilfe eilen könnte – und sollte! Hessen macht damit vor, was im Bund möglich gewesen wäre. Und immer noch ist, wenn Merkel und Nahles das einsehen – und beide ihre Konsequenzen ziehen.

E-Mail: peter.burger@rhein-zeitung.net