Berlin

Plötzlich Familienministerin

Vor etwas mehr als einer Woche war Katarina Barley noch Generalsekretärin der SPD. Jetzt sitzt die SPD-Politikerin aus Trier im großen neuen Büro im Bundesfamilienministerium, vor sich eine Tasse schwarzen Tee. In ihrem ersten Interview als Nachfolgerin von Manuela Schwesig spricht sie über Fehler im Wahlkampf – und erklärt, warum sie jetzt Familienministerin sein will.

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Eben noch in der SPD-Parteizentrale, jetzt Bundesfamilienministerin: Katarina Barley (SPD) würde nach der Bundestagswahl gern in ihrem neuen Amt bleiben. Fehler im Bundestagswahlkampf will sie sich nicht ankreiden lassen.  Foto: dpa
Eben noch in der SPD-Parteizentrale, jetzt Bundesfamilienministerin: Katarina Barley (SPD) würde nach der Bundestagswahl gern in ihrem neuen Amt bleiben. Fehler im Bundestagswahlkampf will sie sich nicht ankreiden lassen.
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Ihre Vorgängerin Manuela Schwesig hat Ihnen Boxhandschuhe zum Start überreicht. Werden Sie die für die wenigen Monate bis zur Bundestagswahl noch brauchen?

Zwei Gesetze sind aktuell noch in der Mache, da gibt es durchaus noch Diskussionen. Außerdem steht noch eine Reihe von Vorhaben an, bei denen nicht alle in der Koalition einer Meinung sind. Ein Paar Boxhandschuhe sind in diesem Job nie verkehrt.

Nach drei verlorenen Landtagswahlen für die SPD gab es Zweifel, ob Sie die Bundestagswahlkampagne im Griff haben. Müssen Sie Fehler einräumen?

Auf die Ergebnisse der Landtagswahlen hatte ich als Generalsekretärin ja nur sehr bedingt Einfluss. Ihren Wahlkampf machen die Landesverbände selbst. Es war aber immer klar, dass der Bundestagswahlkampf erst nach der NRW-Wahl so richtig losgeht.

Hätten Sie sich nicht gegen Hannelore Kraft durchsetzen und sich doch einmischen müssen?

Hannelore Kraft hatte als Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen in vielen Bereichen eine sehr gute Bilanz. Diese sollte im Landtagswahlkampf im Mittelpunkt stehen.

Wie erklären Sie sich die sinkenden Umfragewerte nach dem großen Zuspruch für Martin Schulz Anfang des Jahres?

Die große Begeisterung für Martin Schulz war etwas, das es in Deutschland so noch nie gab. Das hat viel mit seiner Persönlichkeit zu tun, aber auch mit einem großen Bedürfnis, dass die Sozialdemokratie eine größere Rolle in der Politik spielt. Es war, als hätten die Menschen darauf gewartet, dass die passende Persönlichkeit dafür die Bühne betritt. Wir waren lange in einer Negativspirale. Es ging immer nur darum, warum wir so wenig Zuspruch bekommen, aber nie um Inhalte. Das macht eine Partei nicht sexy.

Und jetzt steckt die Partei schon wieder in einer Negativspirale?

Nein. Das finde ich ganz und gar nicht. Mir war immer klar, dass nach dieser enormen Begeisterung auch wieder eine gewisse Normalisierung eintreten würde. In den vergangenen Monaten hat die SPD mehr als 17 000 Neumitglieder gewonnen – 40 Prozent davon unter 35 Jahre. Das wird die Partei richtig verändern. Und die SPD steht nach wie vor in den Umfragen deutlich besser da als Anfang des Jahres. Ich erlebe die Partei zudem als sehr kampfeslustig.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger Hubertus Heil als Generalsekretär?

Er braucht keinen Rat. Er ist ein ganz erfahrener kluger Mensch, der weiß, was zu tun ist. Gelassenheit wünsche ich ihm.

Wie sehr bedauern sie, dass sie den Wahlkampf nicht zu Ende führen können?

Ich habe jeden Moment im Willy-Brandt-Haus genossen, das war eine tolle Zeit. Es war absehbar, dass Manuela Schwesig irgendwann Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern werden könnte. Klar hatte ich mich irgendwann mit dem Gedanken beschäftigt, wer dann wohl Familienministerin werden würde. Dann ergibt sich plötzlich so eine Möglichkeit. Was macht man dann? Ich habe mich entschieden, ihre Nachfolgerin zu werden, und freue mich sehr auf die neue Aufgabe.

Wurmt es Sie, dass nun wieder ein Mann Generalsekretär ist? Verlassen sich Männer in der Politik, wenn es hart auf hart kommt, doch lieber auf Männer?

Wir werden eine neue starke Ministerpräsidentin Manuela Schwesig haben, und ich werde als Familienministerin ordentlich anpacken. Frauen sind in der SPD nach wie vor extrem präsent. Für die verbleibenden drei Monate brauchte man jemanden, der sofort in den Wahlkampf springen kann. Hubertus Heil ist so jemand, der das kann.

Familienminister müssen damit leben, dass ihr Privatleben immer wieder Thema ist. Wie vereinbaren Sie persönlich denn Familie und Spitzenpolitik?

Mein Privatleben bleibt mein Privatleben. Nur so viel: Ich habe zwei Söhne, 13 und 20 Jahre alt, die absolut großartig sind. Es geht mir wie allen berufstätigen Eltern: Man braucht ein gutes Netzwerk, um das hinzubekommen. Das habe ich seit vielen Jahren. Alle Generationen helfen mit. Meine Söhne finden es gut, dass ich mich voll reinhänge für Dinge, von denen ich überzeugt bin.

Was haben Sie sich für Ihre kurze Amtszeit vorgenommen?

Für mich war es keine Entscheidung für nur wenige Monate. Ich will dieses wichtige Ministerium über die Bundestagswahl hinaus gut vertreten. Da gibt es noch sehr viel zu tun. Ich nenne nur zwei Beispiele: Die Entlohnung von Frauen in „klassischen Frauenberufen“ ist so viel schlechter als die in den „klassischen Männerberufen“. Das kann man nicht länger hinnehmen. Wir haben in dieser Legislaturperiode für mehr Transparenz über die Entlohnung gesorgt. Das reicht aber nicht. Ein anderes wichtiges Thema ist die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Es ist ein Unding, dass die Union da noch immer auf der Bremse steht.

Das Gespräch führte Rena Lehmann