Archivierter Artikel vom 20.11.2014, 19:38 Uhr
Maastricht

„Nicht ohne meine Tochter“: Rettung aus Syrien mit Widersprüchen

Das ist die Geschichte einer starken Frau, die den Hilferuf ihrer Tochter aus Al-Rakka, einer Hochburg der radikalen IS-Dschihadisten, nicht überhört und aufbricht, um die 19-Jährige zu retten. Die Geschichte der Niederländerin hat allerdings Ungereimtheiten.

In All-Rakka, einem Zentrum der radikalen IS-Terroristen, will die niederländische Mutter aus Maastricht ihre Tochter gefunden haben. Doch es kommen Zweifel auf an der Version, die in aller Welt Wellen schlägt. Am Donnerstag sind Mutter und Tochter wieder in den Niederlanden eingetroffen. Foto: dpa
In All-Rakka, einem Zentrum der radikalen IS-Terroristen, will die niederländische Mutter aus Maastricht ihre Tochter gefunden haben. Doch es kommen Zweifel auf an der Version, die in aller Welt Wellen schlägt. Am Donnerstag sind Mutter und Tochter wieder in den Niederlanden eingetroffen.
Foto: dpa

Die Rechtsanwältin Françoise Landerloo nennt die Aktion ihrer Mandantin „sehr gefährlich“. Es sei vielleicht auch „reichlich naiv zu glauben, dass du deine Tochter aus den Fängen des Kalifat-Staates befreien kannst.“ Diese Frau hat es geschafft. Beide sind wieder wohlbehalten zu Hause angekommen.

Bevor alles anfängt, lebt Aischa unter ihrem normalen Namen in Maastricht. Sie ist damals 18 Jahre alt, gilt als gut integriert, mit einem großen Freundeskreis. Im vergangenen Jahr beginnt sie zunächst, die Bibel zu lesen. Doch das ist ihr zu wenig. Sie recherchiert im Internet, nimmt Kontakt zu einem in Holland geborenen Dschihadisten auf, der sich Yilmaz (26) nennt, ein ehemaliger Angehöriger der niederländischen Armee. „Mama, schau dir den Mann mal an“, zeigt sie ihrer Mutter Monique ein paar Fotos im Netz. „Das ist so toll und so mutig, was der macht.“ Später wird ihre Mutter den Medien erzählen: „Für sie war das so eine Art Robin Hood.“

Aicha konvertiert zum Islam, geht nur noch verschleiert aus dem Haus. Als sie zum ersten Mal andeutet, sie wolle nach Syrien ausreisen, stoppen sie die Sicherheitsbehörden, ziehen ihren Pass ein. Der zweite Anlauf gelingt mithilfe eines Anwaltes. Per Zug beginnt sie die Reise nach Syrien, während ihre Mutter sie bei einer Freundin im Nachbarort wähnt. Sie erreicht den Staat der Islamisten und heiratet Yilmaz. In den Niederlanden wird die junge Frau sofort auf die Liste der gesuchten Terroristen gesetzt.

Das Foto eines Propagandavideos der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen mit Gewehren, die angeblich in der syrischen Stadt Al-Rakka operieren.
Das Foto eines Propagandavideos der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen mit Gewehren, die angeblich in der syrischen Stadt Al-Rakka operieren.
Foto: dpa

Die Mutter erhält Wochen später eine erste Nachricht, sie solle sich keine Sorge machen. Monate danach erreichen sie plötzlich die alarmierenden Worte per WhatsApp-Mitteilung: „Mama, hol mich hier raus!“ Monique fährt los, bleibt aber an der türkisch-syrischen Grenze hängen. Was dann passiert, wollen alle Beteiligten nur in Andeutungen erzählen. Und das liegt vielleicht daran, dass die niederländische Staansanwaltschaft Zweifel hat an der Vision der Mutter. Die Behörden glauben, sie ist nicht nach Syrien gelangt, war nicht in der IS-Hochburg Rakka. Das sagte Chefankläger Roger Bos am Donnerstag dem niederländischen Sender 1Limburg. „Die Mutter hat sich nicht in Syrien aufgehalten“, so der Staatsanwalt.

Das rückt die Andeutungen aus der Familie in ein etwas anderes Licht. Mutter Monique habe Helfer gefunden, habe sich in einer Burka bis Rakka durchzuschlagen. Die Stadt, in der die Radikalen ein religiöses Schreckensregime errichtet haben. Ehebrecherinnen werden gesteinigt, Dieben hackt man die Hand ab, Spione des Assad-Regimes werden gelyncht. Frauen „hält“ man im Haus. Sie dürfen nur voll verschleiert auf die Straße. Gegen den ausdrücklichen Rat der niederländischen Sicherheitsbehörden hatte die Mutter erklärt, hierher zu reisen.

Vor Ort sei sie dann auf sich und die Helfer angewiesen gewesen, von denen sie spricht. Irgendwie sei es Mutter und Tochter gelungen, den Schergen des IS aus Syrien zu entkommen. Sie erreichen die Türkei, werden dort festgehalten, weil Aicha keine Papiere mehr hat. Die niederländische Seite 1limburg.nl meldete dagegen unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft, die Mutter habe ihre Tochter an der Grenze in Empfang genommen.

Am Mittwoch kommen sie in den Niederlanden an. Die junge Frau wird noch am Flughafen festgenommen, weil man prüfen will, ob sie an Verbrechen des IS beteiligt war. Aber sie ist wenigstens wieder zu Hause, wie Monique sagt. Es gibt ein Foto von ihr im Polizeifahrzeug.

Twitter

Aïcha vast in cel Maastricht – http://t.co/3Bt5Q8LKG5 via #1Limburg pic.twitter.com/3ds5ZiyMxi

— William Preghter (@WilPreghter) 20. November 2014

„Wenn du die schrecklichen Bilder im Fernsehen siehst, und dann hörst du den Hilferuf deiner Tochter, dann kann man vielleicht verstehen, dass sie sagt: Ich fahr da hin und guck mal“, wirbt Anwältin Landerloo um Verständnis für die filmreife Aktion Moniques. Das Wiedersehen der beiden sei sehr emotional gewesen. Aber es war ein Wiedersehen an der Grenze der Türkei, sagen die Behörden. Wie kam die Tochter dann dorthin? Aischa ist befragt worden, die Behörden machen aber keine Angaben, was sie gesagt hat.

Dass diese Geschichte bei unseren niederländischen Nachbarn auf so große Aufmerksamkeit trifft, hat nicht zuletzt mit der Betroffenheit vieler Familien zu tun. Wie in anderen europäischen Staaten auch sind mehrere Hundert junge Menschen – darunter auch viele Frauen – inzwischen nach Syrien gereist, um dort zu kämpfen oder den Kämpfern zu „dienen“, wie Berater dies umschreiben.

Sicherheitskreise und Politik warnen inzwischen davor, dass andere Eltern das Beispiel Moniques zu kopieren versuchen. Und auch sie selbst scheint im Nachhinein von ihrer eigenen Courage überrascht zu sein. „Aber manchmal muss man tun, was man tun muss“, sagte sie. Und entgegengereist ist sie ihrer Tochter in jedem Fall. Detlef Drewes/law