Archivierter Artikel vom 10.10.2016, 17:37 Uhr

Nach dem TV-Duell mit Donald Trump: Clintons Sieg rückt näher, doch es könnte ein Pyrrhussieg sein

Nach dem TV-Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump sind Clintons Chancen gestiegen, ins Weiße Haus einzuziehen. Warum dem allerdings bleierne Jahres des Stillstands folgen könnten, erklärt Redakteur Christian Kunst.

Christian Kunst kommentiert.
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Zu Beginn der zweiten TV-Debatte mit ihrem Konkurrenten Donald Trump sagte Hillary Clinton etwas, das wie ihr politisches Glaubensbekenntnis klang, das aber zugleich ihr größtes Problem ist: Ihr gehe es gar nicht allein um Trumps unentschuldbare sexistische Angriffe, sondern um das Amerika, für das sie und die Mehrheit der Amerikaner stehe – Trump jedoch nicht. Dieses Amerika sei eines, in dem man sich respektiert, zusammenarbeitet und das seine Vielfalt zelebriert. „Das sind sehr wichtige Werte für mich, weil sie für das Amerika stehen, das ich liebe. Ich kann Ihnen versprechen, dass dies das Amerika ist, dem ich dienen werde.“ Diese Nachricht wolle sie nicht nur an ihre Landsleute, sondern an die Welt senden. Jenseits des typisch amerikanischen Showeffekts ihrer völlig überladenen Worte hat sie das formuliert, was viele Menschen in und außerhalb der USA von der Politik in Washington erwarten: dass dieses große und wichtige Land sich endlich am Riemen reißt und seine riesigen Probleme jenseits von Parteigrenzen anpackt.

Man darf erwarten, dass Trump das Niveau dieses Wahlkampfs noch weiter senken wird, nur um Punkte zu machen

Doch die große Frage dürfte sein, ob Hillary Clinton die Richtige ist, um diese seit Jahren verschwundene Einigkeit zwischen den tief verfeindeten Lagern wiederherzustellen. Sollte sie die Wahl gewinnen – wofür derzeit viel spricht und wofür vor allem Trump derzeit alles tut -, dann dürfte sie es noch schwerer haben als der ebenfalls in rechten Kreisen verhasste Barack Obama. Erstens wird auch sie aus dieser Schlammschlacht nicht unbeschadet herauskommen. Trump hat schon jetzt gezeigt, dass er willens ist, alle schmutzigen Karten in diesem Spiel zu ziehen. Vier Frauen lud er zur Debatte ein, die angeblich von Hillarys Gatten Bill sexuell genötigt worden seien. Man darf erwarten, dass Trump das Niveau dieses Wahlkampfs noch weiter senken wird, nur um Punkte zu machen. Zweitens ist nicht auszuschließen, dass das Trump-Lager und die Medien bei den Clintons weitere Skandale ausgraben werden. Denn man sollte sich nichts vormachen: Die Clintons sind alles andere als Heilige. Würde ihr Gegner nicht Trump heißen, der alle (negative) Aufmerksamkeit auf sich zieht, gäbe es für einen rationaleren Herausforderer viel in ihrer Biografie auszuschlachten. Die E-Mail-Affäre ist da nur ein Baustein von vielen.

All dies verspricht für die Zeit nach der Wahl und der Amtsübernahme am 20. Januar 2017 nichts Gutes: Clintons politisches Glaubensbekenntnis wird die republikanischen Stammwähler und vor allem die Trump-Anhänger nicht überzeugen. Dafür sind die politischen Gräben – von den Medien noch befeuert – zu tief, dafür ist Clinton für viele Republikaner zu unglaubwürdig. Clinton kann hoffen, dass sich der negative Trump-Effekt auch auf die ebenfalls am 7. November stattfindenden Kongresswahlen auswirkt, sodass sich die Mehrheitsverhältnisse im Capitol zugunsten der Demokraten verschieben. Doch deshalb versuchen führende Republikaner längst, sich von Trump zu distanzieren. Ein Wahlsieg mag für die Welt ein Moment des Durchatmens sein, für Clinton und die amerikanische Demokratie könnte es ein Pyrrhussieg sein. Es könnten vier weitere bleierne Jahre des Stillstands werden. Vielleicht sorgt Clinton auch für eine Überraschung. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass in vier oder acht Jahren ein moderater republikanischer Präsident Hillary Clintons Glaubensbekenntnis umsetzt.