Archivierter Artikel vom 14.03.2014, 07:00 Uhr
Berlin

Krebsfrüherkennung soll auf den Prüfstand

Fast alle Krebsarten können heute bereits in frühem Stadium erkannt werden. Trotzdem ist nicht jede Maßnahme zur Früherkennung sinnvoll und notwendig. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), unter deren Dach 2800 Mediziner und Forscher organisiert sind, fordert eine kritische Überprüfung der Früherkennung in Deutschland.

Für Frauen über 50 ist die Brustkrebsfrüherkennung heute eine Selbstverständlichkeit. Mediziner fordern, dass man auch junge Frauen mit höherem Erkrankungsrisiko gezielt untersucht.
Für Frauen über 50 ist die Brustkrebsfrüherkennung heute eine Selbstverständlichkeit. Mediziner fordern, dass man auch junge Frauen mit höherem Erkrankungsrisiko gezielt untersucht.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

Nicht bei allen Krebsarten ist der Nutzen der Untersuchungen nachgewiesen. Die Mediziner kritisieren, dass Standards zu unterschiedlich sind und wenig bis gar keine Qualitätskontrolle stattfindet.

Die Mediziner reagieren damit auch auf eine Vielzahl verunsicherter Patienten. Denn welche Untersuchungen für wen sinnvoll sind, ist vielen unklar. Die Experten empfehlen, Nutzen und Risiken im Einzelfall sorgfältig abzuwägen. „Es werden heute auch viele Tumore früh erkannt, die weder zu Krebs noch je zum Tod geführt hätten“, sagt der medizinische Leiter der DGHO Bernhard Wörmann. Der Mediziner kritisiert, dass Deutschland zu langsam auf neue Methoden reagiert. „In der Krebsforschung gibt es sehr viel Innovationsschübe“, sagt er. Diese würden zu wenig berücksichtigt.

Beispiel Brustkrebs

Der Nutzen der Mammografiescreenings für Frauen zwischen 50 und 69 ist unbestritten, weil die Sterblichkeit um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden konnte. Dennoch ist der Nutzen nicht für alle Frauen hoch. Risikogruppen, zu denen Frauen mit einer familiären Vorbelastung zählen, müssten gezielter angesprochen werden. „Bei Frauen mit einer starken familiären Vorbelastung oder einer nachgewiesenen genetischen Veranlagung sollte die Früherkennung deutlich früher begonnen und mit kürzeren Intervallen durchgeführt werden“, fordert Ulrich Bick, Radiologe der Charité Berlin. Die Mediziner beobachten, dass die Erfolge des Brustkrebsscreenings je nach Zentrum auch sehr unterschiedlich ausfallen. Immerhin gibt es in diesem Bereich aber bereits einen solchen Qualitätsvergleich. Die Ärzte raten ausdrücklich dazu, an Screenings teilzunehmen, da es bei der Untersuchung für Frauen kaum Risiken gibt.

Außer bei Brustkrebs ist aus Sicht der Experten nur bei der Darmkrebsfrüherkennung die Qualität der Maßnahmen gesichert. Bei Lungen-, Knochenmark- und Prostatakrebs sind noch gar keine ausreichenden Früherkennungsprogramme vorhanden. Besonders beim Lungenkrebs muss laut Wilfried Eberhardt vom Westdeutschen Tumorzentrum Essen mehr für die Früherkennung getan werden. Die Zahl der Erkrankungen nimmt seit Jahren zu, auch unter Nichtrauchern. Jedes Jahr erkranken etwa 50 000 Menschen an Lungenkrebs. „Das ist ein zunehmendes Problem“, sagt Eberhardt. 20 Prozent der erkrankten Frauen und 50 Prozent der erkrankten Männer sterben daran. Bis 2011 untersuchte Verfahren der Frühdiagnostik hätten nicht zu weniger Sterbefällen geführt.

Neue Untersuchungsmethode für die Lunge

Hoffnung macht laut Eberhardt ein in den USA erprobtes Lungen-Screening mit einem mehrmaligen sogenannten Niedrig-Dosis-CT der Lunge. Mithilfe dieser Untersuchung konnte die Sterblichkeit um 20 Prozent gesenkt werden. Eberhardt fordert für Risikogruppen wie langjährige Raucher ein solches „breites und klar strukturiertes Früherkennungsprogramm“. Bisher hätten die Erkenntnisse aus den USA aber zu keinen Konsequenzen in Deutschland geführt.

Die Forscher betonen, dass Qualitätskontrolle immer wichtiger wird. Für mehr gezielte Maßnahmen zur Früherkennung setzen sie auch auf das sogenannte Krebsregister, in dem systematisch bundesweit Daten aus der Krebsbehandlung gesammelt werden. „Wir brauchen diese Daten dringend“, klagen die Forscher. Es wird aber damit gerechnet, dass erst in Jahren aussagekräftige Daten vorliegen.