Archivierter Artikel vom 18.11.2015, 13:12 Uhr

Korrespondentenbericht aus Moskau: Putin beendet Dementis – Airbus-Absturz war Terrorakt

Kremlchef Wladimir Putin hat es gewagt! Nach zweieinhalb Wochen hartnäckiger Dementis rückte Moskau nun doch mit der wahren Unglücksursache des Airbus 321 heraus. Die Passagiermaschine war Ende Oktober auf dem Weg von Scharm el Scheich am Roten Meer nach Sankt Petersburg über dem Sinai abgestürzt. Alle 224 Insassen kamen dabei ums Leben.

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Airbus-Trümmer
Airbus-Trümmer auf dem Sinai: Die Terrormiliz Islamischer Staat hatte nach dem Absturz in einem nicht zu verifizierenden Video die Verantwortung übernommen.
Foto: Maxim Grigoriev/Russian Emergergency – dpa

von unserem Korrespondenten Klaus-Helge Donath

Alexander Bortnikow, Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, teilte am Dienstag mit, dass eine selbst gebastelte Sprengladung von 1,5 Kilogramm TNT in dem Airbus der Fluggesellschaft Kogalymavia platziert worden sei, die das Flugzeug zum Absturz gebracht habe. „Ich kann sicher sagen, dass es ein Terrorakt war“, bestätigte Bortnikow in Moskau.

Das Flugzeug war 23 Minuten nach dem Start in Scharm el Scheich in der Luft auseinandergebrochen, ohne dass die Mannschaft noch ein Notsignal senden konnte. Britische und amerikanische Geheimdienstquellen gingen schon kurz danach von einem Terroranschlag als Unglücksursache aus. Der britische Premierminister David Cameron soll bereits am 5. November Präsident Wladimir Putin Material übergeben haben, aus dem Londons Ermittler schon früh auf einen Terroranschlag schlossen. Der Kreml blieb damals dennoch offiziell bei der auch von Ägypten favorisierten Version eines technischen Defektes, stellte aber umgehend den Flugverkehr nach Ägypten ein. Spätestens jetzt stand fest, dass der Kreml im Bilde über die wahren Umstände war.

Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) hatten bereits kurz nach der Katastrophe Verantwortung für den Absturz übernommen. Sie stellten es als Vergeltungsschlag für Russlands Luftangriffe in Syrien dar. Moskau passte diese Version jedoch nicht ins Konzept. Denn der Kreml präsentierte sich im heimischen TV-Programm als militärisch-technologische Supermacht mit der Fähigkeit zu aseptischer Kriegsführung. Als dann ein Flieger ohne Feindberührung vom Himmel fiel, fürchtete der Kreml, er könnte von den Untergebenen zur Rechenschaft gezogen werden. Grundlos, wie sich herausstellte. Niemand wies darauf hin, dass die herrschende Sicherheitselite es versäumt hatte, vor dem Kriegseinstieg die Sicherheit umliegender Flughäfen zu prüfen.

Der russische Präsident drohte den Tätern, Russland werde sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen. Nicht das erste Mal sei es von „einem barbarisch terroristischen Akt“ heimgesucht worden. „Wir werden sie überall auf der Welt finden und bestrafen“, sagte Putin und wies seinen Generalstab an, Luftangriffe auf terroristische Ziele in Syrien zu verstärken. 50 Millionen Dollar zahlt der Inlandsgeheimdienst FSB als Belohnung für Hinweise, die zu den Tätern führen. Putin rief die internationale Gemeinschaft – „alle Partner“- dazu auf, Russland bei der Suche nach den Terroristen zu unterstützen. Wer will da schon Nein sagen? Ohne die Ereignisse von Paris hätte der Kremlchef nicht gestanden. Geschickt nutzt Putin den Windschatten des Pariser Terrors, um der eigenen Bevölkerung die Wahrheit zuzuraunen und dem Westen überraschend zu bedeuten: Wir sitzen doch alle in einem Boot. Die europäische Dimension des Terrors erleichtert dies. Mit antiterroristischer Solidarität von „Lissabon bis Wladiwostok“ schwindet auch die Erinnerung an Russlands Rechtsbrüche und nicht zuletzt an den Krieg in der Ukraine. Präsident Putin scheint wie immer siegessicher. Sein Kalkül lautet: mit dem Terror zurück nach Europa.