Archivierter Artikel vom 29.10.2020, 19:04 Uhr

Kommentar zur Rechtfertigung der Corona-Maßnahmen: Überlasst den Bürgern mehr Verantwortung!

Bund und Länder machen bei ihrer Corona-Strategie einen Kardinalfehler: Obwohl sie bei der Eindämmung des Virus vor allem verantwortungsvoll handelnde Bürger brauchen, entziehen sie ihnen eben diese Verantwortung mit den beschlossenen Maßnahmen. Das sind nicht mehr die Züge eines liberalen, sondern eines vormundschaftlichen Staates, der seine Bürger mit Methoden zu erziehen versucht, die kein Kind verstehen würde.

Von Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
Foto: Jens Weber

Weil einige Kinder ungezogen waren, müssen alle anderen leiden, obwohl sie sich an alle Vorschriften gehalten haben, mehr noch: sogar Verantwortung für die anderen übernommen haben. Und auch wenn Kanzlerin Angela Merkel die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen betont, darf man wie beim jüngst abgeräumten Beherbergungsverbot berechtigte Zweifel haben, ob die aktuellen Maßnahmen der Prüfung durch Gerichte standhalten werden.

Dieses staatliche Vorgehen ist vor allem deshalb so problematisch, weil wir aus Sicht vieler Experten bis ins Jahr 2022 hinein mit dem Virus leben müssen – wenn nicht noch deutlich länger. Natürlich sind wir Teil eines lernenden Systems. Und die Lernkurve ist in dieser Pandemie steil. Es dürfte im Laufe des nächsten Jahres erste Medikamente und auch einen Impfstoff geben. Doch Regierungspolitiker wie Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU), die es besser wissen müssten, suggerieren den Bürgern, dass sie nur noch ein paar Wochen die Zähne zusammenbeißen müssen, ehe die Erlösung naht. Das ist mitnichten der Fall. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck hat recht, wenn er die nächsten Pandemie-Monate mit einem Marathonlauf vergleicht.

Gefragt ist daher keine Politik auf Sicht mit einer zermürbenden Serie von Teil-Lockdowns, sondern eine Langfriststrategie. Dazu müssen die Gesundheitsämter schnell in die Lage versetzt werden, mithilfe der digitalen Methoden des 21. Jahrhunderts Infektionsketten nachzuvollziehen. Und es braucht eine Antwort auf die Frage, wie das Klinikpersonal so aufgerüstet und geschützt werden kann, dass die Krankenhäuser nicht an ihre Belastungsgrenze stoßen. Dafür muss die Politik endlich Verantwortung übernehmen und handeln. Und den Bürgern muss schnellstmöglich Verantwortung zurückgegeben werden. Die wollen sie nämlich gern übernehmen.