Archivierter Artikel vom 29.03.2021, 07:31 Uhr
Berlin

Kommentar zur drängenden K-Frage in der Union: Das Risiko ist groß, im Herbst leer auszugehen

Eine CDU-Kanzlerin, die das Volk wegen des Hickhacks in der kritischsten Phase der Corona-Pandemie um Verzeihung bittet, eine Union im Abwärtstrend bei Umfragen und Wahlen, eine außer Kontrolle geratene Corona-Krise, in deren Zentrum ein heftig strampelnder Gesundheitsminister mit veritablen Affären um seine Immobilien steht, ein von Woche zu Woche um neue Fälle wachsender Maskenskandal: Der künftige Kanzlerkandidat von CDU und CSU braucht vor allem eines – viel Mut, gefolgt von Fortune.

Von Christian Kunst
Die Entscheidung naht: Tritt CSU-Chef Markus Söder (rechts) oder CDU-Chef Armin Laschet (Mitte) die Nachfolge von Angela Merkel an?
Die Entscheidung naht: Tritt CSU-Chef Markus Söder (rechts) oder CDU-Chef Armin Laschet (Mitte) die Nachfolge von Angela Merkel an?
Foto: dpa

So gewaltig die Aufgabe, so unübersichtlich die Lage für die beiden heißesten Kandidaten, Markus Söder (CSU) und Armin Laschet (CDU), scheint – auch Angela Merkel traute 2005 kaum jemand zu, nach ihrem Sieg gegen Gerhard Schröder 16 Jahre lang zu regieren. Doch Merkel ist zwar aus der Krise ihrer Partei entsprungen, aber erst in den Krisen der Welt zur Staatsfrau von Statur herangewachsen. In der Finanz-, der Flüchtlings- und der Corona-Krise konnte sie ihre bis dahin eher verborgenen Stärken ausspielen, teilweise entwickelt sie diese erst in den Krisen.

RZ-Redakteur Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
Foto: Jens Weber

Söder und Laschet indes sind bereits jetzt Krisenmanager, von denen einer vermutlich in der schwersten Krise der Nachkriegszeit zum Kanzlerkandidaten gekürt wird. Doch anders als Merkel – sehen wir mal von den vergangenen vier Wochen ab – haben sie sich in diesen sehr volatilen Zeiten nicht gerade als starke Politiker mit klarer Linie präsentiert. Die oft beklagten Jo-Jo-Lockdowns sind auch ein Resultat der Jo-Jo-Politik der beiden mächtigen Landesfürsten von NRW und Bayern. So nachvollziehbar diese Haltung auch sein mag, so sehr wünscht man sich doch in der bleiernen Dauer-Corona-Schleife inklusive Impfchaos die pragmatische, zupackende, glasklare, kluge und vertrauenserweckende Politik des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt.

Der Union wünscht man bei der Beantwortung der K-Frage jedenfalls mehr Weitblick, als in der Corona-Krise gerade möglich ist. Denn die Spitzen von CDU und CSU stehen vor dem Dilemma, ihren Kanzlerkandidaten in der Pandemie küren zu müssen – sie wissen aber zugleich, dass der künftige Kanzler die vermutlich noch viel gewaltigeren Post-Corona-Krisen zu managen hat. Und bei der Wahl im September wird es wohl endlich um mehr als Corona gehen. Ob Laschet oder Söder – schon lange war das Risiko für die Union nicht mehr so groß, dass sie nach einer Wahl leer ausgeht und das Kanzleramt von einer anderen Partei besetzt wird.

E-Mail an den Autor: christian.kunst@rhein-zeitung.net