Archivierter Artikel vom 13.04.2020, 18:12 Uhr

Kommentar zu „Lockerungen“: Übereilte Schritte können fatale Folgen haben

Es macht sich gerade ein fataler Zungenschlag in der bundesdeutschen Diskussion um mögliche Lockerungen in der Corona-Krise breit. Während man bislang das gute Gefühl hatte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seien bereit, diese Einschränkungen so lange wie nötig durchzuhalten und diese schwierige Situation für unser Land gemeinsam zu meistern, bröckelt dieser Eindruck mehr und mehr. Es scheint immer häufiger nicht mehr darum zu gehen, ab welchem Zeitpunkt man welche Maßnahmen zur Rückkehr in die Normalität einleiten sollte, sondern dass dieser Zeitpunkt hier und jetzt gekommen ist.

Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber
Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber

Manfred Ruch zur Corona-Debatte um Lockerungen

Dass ausgerechnet der früher eher zurückhaltend wirkende NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit seinem Vorpreschen diesen Eindruck verstärkt, macht die Sache für Kanzlerin Angela Merkel besonders ärgerlich. Denn es fühlt sich ein bisschen so an wie der Versuch, sich im Rennen um die politische Zukunft in der CDU, um Parteivorsitz und eventuelle Kanzlerkandidatur für die Union einen Vorsprung zu sichern.

Noch sind die Bundesbürger gefühlt sehr bereit, die herausfordernden Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus mitzutragen. Eine Mehrheit befürwortet deren Verlängerung, einige wünschen sich sogar noch eine Verschärfung der Kontaktsperren. Die Menschen haben sich allmählich auf den Krisenmodus eingerichtet und sich in der unausweichlichen Situation der Pandemie neu organisiert. Die Mehrheit ahnt offenbar, dass wir in Deutschland nur deshalb bislang halbwegs glimpflich davongekommen sind, weil wir sehr verantwortlich miteinander umgehen und unsere Nähe durch Abstand zeigen. Auch am Osterfest scheint dies gelungen zu sein, wie Rückmeldungen von Polizei und Ordnungsämtern zeigen. Die Menschen haben sich offenbar weitgehend an die Regeln gehalten, die die Zahl der Neuinfektionen und damit auch die möglichen Folgen für das Gesundheitssystem beherrschbar halten sollen.

Doch was passiert, wenn wir diese Maßnahmen jetzt zu früh beenden? Was, wenn wir die Restriktionen jetzt an der falschen Stelle lockern? Wird es eine neue heftige Infektionswelle geben? Und wird man dann die Bevölkerung und die Wirtschaft noch einmal davon überzeugen können, dass die wiedergewonnenen Freiheiten erneut zurückgenommen werden müssen? Selbst die Wirtschaft warnt vor solch übereilten Schritten. Und die längst nicht beendete wissenschaftliche Diskussion zwischen den Experten sollte der Politik Anlass genug sein, verfrühte Erleichterungen unbedingt zu vermeiden. Nichts wäre schlimmer, als wenn sich die Politik in dieser entscheidenden Phase der Corona-Krise den Bürgerinnen und Bürgern als zerstrittener Haufen präsentieren würde. Den Eindruck hat man bislang zum Glück vermieden.

Wir kennen das entsetzliche Phänomen vom Tsunami: Die zweite Welle kann durchaus die schlimmere sein. Das lässt sich auch auf die Corona-Pandemie übertragen. Selten war der gern zitierte Satz wichtiger und richtiger als heute: Die Opfer sollen nicht umsonst gewesen sein. Genau das aber ist zu befürchten, wenn wir den Menschen jetzt zu schnell und zu viel an Normalität zurückgeben wollen. Sei es einfach aus gutem Willen. Oder gar aus politischem Kalkül.

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