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Kommentar zu den Folgen des Ukraine-Kriegs: Putin wird den psychologischen Krieg verlieren

Kriege waren immer auch ein Kampf um die Macht der Bilder. Adolf Hitler hat Bilder und sogar schon Filme gnadenlos als Propaganda für seine Angriffskriege genutzt. Mehr als 80 Jahre später geht es auch im Ukraine-Krieg um die Macht der Bilder.

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Doch diesmal setzt nicht der Aggressor Wladimir Putin, sondern vor allem die militärisch schwächere Ukraine darauf, zuvorderst ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj. Wer die Videos von ihm und seiner Regierungsentourage vor dem Präsidentenpalast in Kiew sieht, der erkennt die psychologische Kriegsführung eines Profis. Manch einer mag verwundert gewesen sein, als die Ukrainer einen populären Fernsehkomiker zum Präsidenten gewählt haben. Jetzt erweist sich diese Wahl als Segen für das angegriffene Land.

Selenskyj weiß, dass die Ukraine der militärischen Übermacht Russlands trotz aller Waffenlieferungen kaum etwas entgegenzusetzen hat und dass ihm die Nato nicht offen zur Seite springen wird. Deshalb setzt er auf eine viel wirksamere Waffe als Panzer und Raketen: die Macht der Worte und Bilder. Seit Beginn des Kriegs ist aus Kiew ein Geschützfeuer an Appellen an die freie Welt zu hören, sich mit allen Mitteln gegen Putins Krieg aufzubäumen. Selenskyj kämpft vor allem um sein Land, doch seine Logik lautet: Wenn ihr uns aufgebt, gebt ihr euch selbst auf, eure Art des Lebens, eure Freiheit, eure Demokratie. Unterstützt wird er dabei vom Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko – ein mindestens ebenso erfahrener Öffentlichkeitsprofi.

Wie erfolgreich diese psychologische Kriegsführung ist, das zeigen die Reaktionen des Westens. Die Bundesregierung vollzieht unter dem Druck der Öffentlichkeit eine 180-Grad-Wende bei Waffenlieferungen und in der Sanktionspolitik. Der Milliardär Elon Musk versorgt die Ukrainer mit den gerade in diesem Kampf der Bilder so wichtigen Internetverbindungen. Die Proteste wachsen auch in Russland. Selbst die Führung in Peking lässt durchblicken, dass ihr Putins Angriff auf die internationale Ordnung missfällt. Trotzdem darf man nicht blauäugig sein.

Putin wird dies zunächst nicht stoppen, vermutlich eher anstacheln. Doch die Kosten haben sich für ihn deutlich erhöht. Das gilt nicht nur für die wirtschaftlichen Folgen durch die jetzt verschärften Sanktionen. Sollte er, was viele annehmen, in Kiew eine Marionettenregierung installieren wollen, wird diese auf selbstbewusste und widerständige Ukrainer stoßen. Ein zweites Afghanistan kann sich Putin nicht leisten. Zu groß ist die Macht der Bilder in vielen russischen Köpfen. Putin mag den Ukraine-Krieg mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts militärisch gewinnen, aber den psychologischen Krieg des 21. Jahrhunderts wird er mit seinem alten Denken verlieren.

E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net

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