Archivierter Artikel vom 28.10.2019, 19:26 Uhr
Thüringen

Kommentar zu den Folgen der Thüringen-Wahl: Der kluge Wähler hat den Spieß einfach umgedreht

Knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es eine neue Revolution in Ostdeutschland. Es ist wieder eine friedliche Revolte, die diesmal von den Wahlurnen ausgeht.

Von Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
Foto: Jens Weber

Erstaunlich viele Bürger haben bei der Landtagswahl in Thüringen ihr demokratisches Grundrecht dazu genutzt, um dem immer noch stark von Westpolitikern geprägten gesamtdeutschen Parteiensystem einen Denkzettel zu geben.

Sie haben ihr Kreuz aus der Sicht vieler Westdeutscher in der Mehrheit bei den politischen Extremen gemacht. Doch diese Einschätzung ist nur eingeschränkt richtig, weil sie auf seit Jahrzehnten tradierten Denkmustern basiert. Relativ unbestritten dürfte sein, dass sich mit dem Erfolg der Höcke-AfD in Thüringen ein Rechtsruck fortsetzt, den es schon bei anderen Landtagswahlen gegeben hat – übrigens auch im Westen. Doch der Erfolg des Ex-Gewerkschafters und linken Landesvaters Bodo Ramelow ist kein Zeichen von Extremismus, sondern der Triumph eines offensichtlich sehr beliebten und äußerst pragmatischen Politikers.

Politiker wie Ramelow halten der Berliner Politik den Spiegel vor. Sie unterstreichen erstens, dass es allen vermeintlich etablierten Parteien wie Union, SPD und FDP an glaubwürdigem und charismatischem Personal fehlt. Und dass es ihnen zweitens an einem Verständnis dafür mangelt, besonders Menschen in ländlichen Gebieten – und dort lebt die Mehrheit der Deutschen – zu vermitteln, wie sie die radikalen Veränderungen etwa beim Klimaschutz oder in der Sozial- und Verkehrspolitik bewältigen können. Dies gilt besonders auch für die Grünen, die dafür in Thüringen bestraft wurden.

Und der Wähler ist ein kluges Wesen. Er hat den Spieß einfach umgedreht: Die Politiker, die ihm ständig neue Veränderungen aufbürden, müssen sich jetzt selbst wandeln. Wer weiter regieren will, muss aufhören, aus rein ideologischen Gründen bestimmte Bündnisse auszuschließen. Politiker wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer haben das längst begriffen – eine Ausnahme in der CDU. Das Signal der Wähler ist deutlich: Hört uns zu! Seid pragmatisch! Handelt und arbeitet zusammen! Das ist das genaue Gegenteil dessen, was derzeit in Berlin passiert. Eine kleine, neue friedliche Revolution.

E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net