Archivierter Artikel vom 25.05.2020, 10:38 Uhr

Kommentar zu Corona-Lockerungen und neuen Ausbrüchen: Thüringens Weg führt in die Sackgasse

In der aktuellen Corona-Lage ist es ratsam, auf einen wichtigen Unterschied hinzuweisen: den zwischen der Welt der Fakten und der von Wünschen, Gefühlen und Sehnsüchten. Mit der grotesken Pressekonferenz von NRW-Regierungschef Armin Laschet und dem Bonner Virologen Hendrik Streeck hat die Politik begonnen, diese beiden Welten auf gefährliche Weise auf den Kopf zu stellen.

Christian KunstLesezeit: 2 Minuten
RZ-Redakteur Christian Kunst kommentiert.
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Foto: Jens Weber

So versuchte sie, dem völlig verständlichen Druck der Wirtschaft und vieler Bürger auf weitgehende Lockerungen nachzugeben. Wie gefährlich dieser Strategiewechsel war, zeigen die Vorkommnisse des Wochenendes: Während es in Frankfurt und Ostfriesland zwei größere lokale Ausbrüche gibt, verabschiedet sich Thüringen von den Corona-Regeln. Derweil bleibt der Druck auf die Politik groß, dem Thüringer Weg zu folgen.

Kehren wir also zur Welt der Fakten zurück: Die Ausbrüche bei Leer und in Frankfurt unterstreichen, dass das Coronavirus nur gefühlt aus Deutschland verschwunden ist. Trotz sinkender Fallzahlen bleibt diese Pandemie unberechenbar. Neueste Analysen zeigen, dass das Virus selbst regional nicht so leicht kontrollierbar ist. Denn anders als bislang vermutet, konzentrieren sich die verbliebenen Fälle keineswegs nur auf klar zuzuordnende Cluster, also zum Beispiel einige Familien, Wohnviertel oder Pflegeheime. Vielmehr handelt es sich in der großen Mehrheit um diffuse Einzelfälle – von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Dies zeigt, wie wichtig die allgemeinen Abstands- und Vorsichtsregeln sind, von denen sich Thüringen verabschiedet.

Die Fakten verhindern keineswegs regional differenzierte Lockerungen, um die oft existenziellen Wünsche und Sehnsüchte von Wirtschaft und Bürgern zu erfüllen. Sie rechtfertigen aber keine Abkehr von den grundsätzlichen Corona-Regeln – zumal der Nachahmereffekt in anderen Bundesländern und die psychologische Wirkung auf viele Menschen extrem riskant sein dürfte. Und selbst wenn es im Sommer zu keiner zweiten Welle kommen sollte, ist die aktuelle Entwicklung mit Blick auf den Herbst besorgniserregend. Die Ausbrüche in Leer und Frankfurt, die ihren Ursprung in geschlossenen Räumen haben, werfen ein grelles Schlaglicht auf die Gefahren in der dunklen und kalten Jahreszeit. Sollten jetzt weitere Bundesländer dem Beispiel Thüringens folgen, dann dürfte es fast unmöglich werden, das Virus noch zu kontrollieren und einen zweiten Lockdown durchzusetzen. Dann haben wir keine Debatte mehr über Fakten und Wünsche, sondern über Leben und Tod.

E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net