Archivierter Artikel vom 25.11.2020, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Kommentar von Christian Kunst zur Diskussion über Corona-Weihnachten: Erzählt den Bürgern zum Fest keine Märchen!

Manchmal würde man sich wünschen, dass der Bestsellerautor Ferdinand von Schirach das Drehbuch zur Corona-Politik schriebe. Dann würde vielleicht etwas herauskommen wie am Montagabend in dem bemerkenswerten ARD-Film „Gott“ – einer fiktiven, aber sehr real wirkenden Verhandlung des Ethikrates über das Thema Sterbehilfe. Es würden alle Zahlen, Fakten, Meinungen, Abwägungen und Bedenken zur Corona-Pandemie auf den Tisch kommen – ob in Form einer öffentlichen Sitzung des Ethikrates, einer Talkshow im Fernsehen oder noch besser einer Sitzung des Parlaments. Die Bürger könnten sich ihre Meinung bilden zu den vielen ethisch und persönlich so hochbrisanten Abwägungen der Corona-Krise. Keiner könnte mehr behaupten, Medien, Experten, Politiker würden Fakten verschweigen. Es wäre vielleicht endlich Schluss mit Polemik, Stimmungsmache und einer von Demoskopen gesteuerten Politik. Das, was von Schirach aufgeführt hat, nennt man Demokratie. Vielleicht funktioniert dieser argumentative Austausch so nur noch im Film. Traurig genug.

Von Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
RZ-Redakteur Christian Kunst
Foto: Jens Weber

Wie es nicht funktioniert, erleben die Bürger gerade in der „Debatte“ über das Weihnachtsfest. Heute wird zwischen Kanzleramt und Ministerpräsidenten vermutlich beschlossen, den Bürgern an den heiligen Tagen quasi eine Atempause in der Corona-Krise zu verschaffen. Millionen zusätzlicher Tests sollen für vermeintliche Sicherheit sorgen. Es wird sogar schon diskutiert, Gaststätten vorübergehend zu öffnen, weil hier Hygieneregeln angeblich besser kontrolliert werden können als im heimischen Wohnzimmer. Wer den Menschen ausgerechnet in der Weihnachtszeit und vielleicht noch an Silvester das Signal gibt, man könne mal etwas locker lassen, nimmt sie nicht ernst und handelt auch noch fahrlässig. Das Virus wird an Weihnachten keine Pause einlegen. Das wissen alle. Also sollte die Politik den Bürgern zum Fest keine Märchen erzählen. Viele dürften doch längst begriffen haben, dass Weihnachten 2020 anders als gewohnt verlaufen wird. Und alle Unvernünftigen werden sich durch die staatlich verordnete Atempause auch noch zum Feiern ermutigt fühlen.

Ehrlicher wäre es, wenn die Politik eingestehen würde, dass sie zwar Rahmenbedingungen setzen kann, sich in der Pandemie aber letztlich auf die Eigenverantwortung der Bürger verlassen muss. Das ist schwer auszuhalten. Aber auch dies gehört zu einer freiheitlichen Demokratie. Weihnachten können wir feiern, wenn unsere Eltern und Großeltern irgendwann geimpft sind. Vielleicht ist es schon ein Weihnachten im Sommer. Am Meer. Mit der Familie. Mit Freunden. Das wäre ein schönes Happy End.