Archivierter Artikel vom 24.11.2016, 14:48 Uhr

Kommentar: Trump offenbart sich auch als Realpolitiker

Der künftige US-Präsident Donald Trump hat sich in einem Interview mit der „New York Times“ von einigen seiner radikalen Forderungen aus dem Wahlkampf verabschiedet. Ist er dadurch für seine Anhänger unglaubwürdig geworden?

Christian Kunst kommentiert.
Christian Kunst kommentiert.

Christian Kunst zum Interview mit Donald Trump

Jeder, der des Englischen mächtig ist, sollte die Originalabschrift des Interviews lesen, das der nächste US-Präsident Donald Trump der „New York Times“ gegeben hat. Denn es sagt sehr viel über Trump, aber ebenso viel über die Medien. Erschreckend ist, wie wenig Trump über einige politische Fragen weiß, auf die er bald weitreichende Antworten geben will. Wenn er über Syrien, Windräder oder den Klimawandel schwadroniert, kann man nur den Kopf schütteln. Zugleich ist es spannend, wie Trump schlagartig in den Modus des abwägenden und moderaten Politikers gewechselt ist. Nachdem er monatelang genau zu wissen schien, was seinem Land hilft, ist er plötzlich offen für vieles. Er will sich beraten lassen, rückt ab von radikalen Forderungen. Es scheint, dass Trump wie ein politisches Chamäleon seine Farbe ändert – je nachdem, ob er es mit dem Publikum eines liberalen Ostküstenmediums oder frustrierten Menschen im Mittleren Westen zu tun hat.

Ist Trump also ein Wendehals, unglaubwürdig für seine Anhänger? Wohl kaum. In der US-Zeitschrift „The Atlantic“ war zu Trump Folgendes zu lesen: „Die Medien nehmen ihn wörtlich, aber nicht ernst. Seine Anhänger nehmen ihn ernst, aber nicht wörtlich.“ Es scheint, dass Trump auch den politischen Diskurs auf den Kopf gestellt hat. Medien fahnden gern nach dem geistigen Fundament eines Politikers. Und sollte er keines haben oder es verlassen, wird er der Prinzipienlosigkeit oder Unglaubwürdigkeit bezichtigt. Was nur passiert, wenn das Millionen Wählern egal ist, weil sie Trump trotzdem vertrauen? Dies dürfte für viele eine verstörende Frage sein. Man mag es Populismus nennen. Entscheidend dürfte aber sein, welche Politik er ab dem 20. Januar macht. Sollte diese aus Sicht vieler Amerikaner erfolgreich sein, wird niemand mehr fragen, welchen Prinzipien er folgt oder nicht. Die Amerikaner nennen es Realpolitik. Dies allerdings dürfte den Deutschen nicht unbekannt sein: Kanzlerin Angela Merkel regiert so seit 2005.

E-Mail an: christian.kunst@rhein-zeitung.net