Archivierter Artikel vom 07.09.2018, 18:14 Uhr

Kommentar: Nur Zuhören kann Vertrauen schaffen

Es ist eine schallende Ohrfeige und zugleich mahnendes Zeugnis des gegenwärtigen Zustands unserer Republik: Bundesregierung, Parteien, Institutionen, selbst Polizei und Justiz – und ja, auch wir Medien – stecken offenkundig in einer massiven Vertrauenskrise. Die Menschen wenden sich ab, suchen Halt – selbst in haltlosen Versprechungen, Posts und Parolen.

RZ-Chefredakteur Peter Burger.
RZ-Chefredakteur Peter Burger.
Foto: Jens Weber

Chefredakteur Peter Burger zur Vertrauenskrise in Staat und Medien

Das ist eine der wachrüttelnden Botschaften des ARD-Deutschlandtrends. Und: Im Osten kommt dieser Vertrauensverlust einem staatspolitischen Erdbeben gleich, fast 30 Jahre nach Ende des Kommunismus.

Längst überschlagen sich Deutungen und Ursachenforschung dieser Entfremdung der Bürger von ihrem Staat und den ihn tragenden Säulen der Gewaltenteilung. Pessimisten sehen oder fühlen Parallelen zur Weimarer Republik. Und nicht nur die: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal morgens wach werde und mir als erstes sage: Aufstehen, Demokratie verteidigen!“, bekannte dieser Tage ein erfahrener politischer Kopf aus unserer Region. Dabei aber sind alle gefordert – jeder einzelne an seinem Platz. Demokratie verteidigen heißt vor allem aber auch, Vertrauen zurückgewinnen: Wahrheit und Wahrhaftigkeit Vorrang einräumen, dumpfe Parolen und deren eilfertiges Nachplappern brandmarken. Aber auch, genau hinschauen, den Menschen zuhören, ihnen ein Forum geben, differenzieren und bewerten. Nicht zuletzt: Auch die Meinung Andersdenkender zulassen – so lange sie auf dem Boden unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung stehen. Keine Frage: Unsere Demokratie wird in diesen Tagen permanent an ihre Schmerzgrenze herangeführt. Noch ist die Sollbruchstelle nicht in Sicht. Noch nicht!

Und wir Medien? Es ist erschütternd, mit ansehen zu müssen, dass unseren Kolleginnen und Kollegen im Osten nur von 29 Prozent der Bevölkerung Vertrauen entgegengebracht wird. In toto sicherlich zu Unrecht. Wenig schmeichelhaft sind natürlich auch nur 52 Prozent im Westen. Woran liegt das? Längst hat sich – neben der sogenannten „vierten Gewalt“ – eine fünfte, aufgetan: die „sozialen“ Netze. Eigentlich ist das gut so: Es fordert uns Journalisten heraus, noch gründlicher, noch gewissenhafter zu recherchieren und noch ausgewogener zu berichten als wir es gelernt haben, Fake news als solche zu entlarven, der Wahrheit Bahn zu brechen – auch der unbequemen. Selbstkritisch müssen wir dabei auch zur Kenntnis nehmen, dass deutschen Medien bisweilen auch von berufener Seite „Realitätsferne“ und Bevormundung nachgesagt wird. So mahnte US-Journalismusforscher Jay Rosen dieser Tage nach Gesprächen mit mehr als 50 deutschen Kollegen, „Journalisten sollen nicht sagen, was Leute zu denken haben“.

Und dennoch: Dass sich, weit jenseits aller sachlichen und teils berechtigten Kritik ein viraler Mob aufschwingt, die Arbeit von Journalisten und Juristen, von Polizisten und Politikern, von Verfassungsorganen und staatlichen Institutionen auf übelste Weise in den Schmutz zieht, ist längst kein Ost-Phänomen mehr alleine. Dort, wie in Chemnitz geschehen, wird die Pressefreiheit offen angegriffen. Nicht allein verbal, sondern bereits mit Fäusten. Wo aber das Faustrecht obsiegt, sind Freiheit und Demokratie in höchster Gefahr!