Archivierter Artikel vom 10.11.2015, 19:14 Uhr

Kommentar: Macher, Lotse, Mensch – ein Jahrhundertpolitiker, der fehlen wird

Dieser Helmut Schmidt ist eigentlich ein guter Mann – er ist nur in der falschen Partei." Das ist einer der ersten Sätze über einen Politiker, an den ich mich aus meiner Kindheit noch heute gut erinnern kann.

Christian Kunst kommentiert.
Christian Kunst kommentiert.

In konservativen Kreisen war der Satz Anfang der 80er-Jahre oft zu hören. Der damalige Bundeskanzler wurde geachtet, nicht geliebt. Das war einem Willy Brandt vorbehalten. Dem wurde die Rolle als Lebemann mit all seinen Liebschaften gern verziehen. Brandt war der Zerbrechliche, der tragisch Gescheiterte, der Visionär. „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“, meinte Schmidt-Schnauze einmal vielsagend. Der Mann aus Hamburg-Barmbek war Hanseat durch und durch: diszipliniert bis zur Selbsterschöpfung. Nach außen wirkte er oft unterkühlt im Ton, manchmal schroff und arrogant. Doch die Deutschen schätzten ihn als Macher, Krisenmanager, Staatslenker, Deuter und Lotse der Zeitläufte. Mit Helmut Schmidt ist einer der letzten großen Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts gestorben. In seinen Worten, man möchte sagen in seinem Gesicht haben sich die großen Tragödien des 20. Jahrhunderts eingeprägt.

Auch ob dieser tiefen Erfahrungen werden die Menschen ihn vermissen – als Ratgeber, unbequemen Mahner, als Hoffnungsgeber. Da ist der Zweite Weltkrieg, den Schmidt als Soldat erlebte, was ihn auch als Politiker tief prägte, da ist die Hamburger Sturmflut von 1962, die der damalige Innensenator unkonventionell meisterte, was ihn nicht nur in Norddeutschland zu einem Helden machte, und da sind die dunklen RAF-Jahre – Schicksalsjahre für Schmidt, der daran fast zerbrach. Unvergessen ist das Bild des um Fassung ringenden Kanzlers neben der Witwe des von den Terroristen ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Schmidt, das lernten die Menschen damals, blieb aufrecht auch in höchster Not. Aber er gab auch zu, fehlbar zu sein.

Doch man muss ehrlich bleiben: Auch damals wurde er nur hochgeachtet. Geliebt – sagen wir mit hanseatischem Understatement eher beliebt – wurde Helmut Schmidt erst in seinen letzten Lebensjahrzehnten. Da erlebte er wegen seiner Deutungen des Weltgeschehens, seines nüchternen, manchmal überraschenden Blickes auf die Krisen eine fast heiligenähnliche Verehrung. Ihm selbst war diese Beweihräucherung eher fremd. „Die Menschen“, sagte der Entertainer Harald Schmidt über den Politiker Helmut Schmidt, „wünschen sich einen aufgeklärten Monarchen, einen, der die Mühen der Ebene einfach wegraucht.“ Das tat er bis zuletzt – unverdrossen. In seinem Tun war der Hamburger im Alter so manchmal fast ein Anarchist, pfiff auf Regeln und Zeitgeist. Und so bekamen die Deutschen erst nach seiner Zeit als Kanzler das komplette Bild des Menschen Schmidt, der rührt. Dazu trug wesentlich seine 2010 gestorbene Frau Loki bei. Für ihn war sie „die unverzichtbare Stimme des Volkes“.

Nach ihrem Tod hat Helmut Schmidt noch einmal die Welt bereist, andere frühere Staatenlenker getroffen – oft waren sie mit ihm befreundet. Helmut Schmidt, so scheint es, hielt sein Leben für komplett. „Er will und kann nicht mehr“, sagte sein Arzt am Abend vor seinem Tod. Er hatte alles gesagt, genug auf dieser Erde erlebt. Ein wahrlich schöner Grund zu gehen.

E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net