Archivierter Artikel vom 14.01.2015, 06:00 Uhr

Kommentar: Jetzt geht es um das Fundament der Gesellschaft

Und wieder liegt ein Montag mit noch größeren Pegida- und No-Pegida-Demonstrationen hinter uns. Doch dieser und die kommenden Montage haben durch die Bluttat von Paris eine ganz neue Qualität bekommen.

Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber
Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber

Manfred Ruch zu Pegida- und No-Pegida-Demonstrationen

Jetzt geht es um mehr als um ein paar Tausend Demonstranten, die mit kruden Argumenten und verdrehten Fakten gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes wettern. Jetzt geht es auch nicht mehr um den tumben Vorwurf, die bundesdeutsche „Lügenpresse“ stecke mit der Politik sowieso unter einer Decke. Jetzt geht es ans Eingemachte – nämlich darum, welche Auswirkungen der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ auf das Klima in Deutschland hat.

Während Pegida versucht, den Terror von Paris als Beweis ihrer These einer Islamisierung Europas zu deuten, stehen weltweit Millionen Menschen auf und üben den Schulterschluss für Pressefreiheit und Toleranz, gegen Rassismus und religiösen Fanatismus.

Es ist ein absolut wichtiges und richtiges Zeichen, dass auch große Teile der bundesdeutschen Gesellschaft gegen das Weltbild von Pegida aufstehen. Es darf bei uns nicht zu einer folgenschweren Spirale kommen, mit der sich Islamphobie und Islamismus immer weiter hochschaukeln. Denn die Organisatoren von Pegida nehmen mit ihren islamfeindlichen Sprüchen geradezu billigend in Kauf, dass sich das gesellschaftliche Klima weiter verschärft und dass am Ende daraus auch Gewalt gegen Muslime erwächst. Das muss jedem Demonstranten klar sein, der sich mit den Brandstiftern in eine Reihe stellt.

Doch das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Denn hinter dieser Pegida-Welle stehen vermutlich viele Menschen, die in Sorge sind über die Zukunft ihrer Familie. Die Angst haben vor dem sozialen Abstieg in einer globalisierten und für sie undurchschaubaren Welt. Die in ihrem Alltag erleben, dass es mit der Integration vieler Muslime auch nach Jahrzehnten in Deutschland noch nicht allzu weit her ist. Und die vom Gefühl getragen werden, mit ihren Problemen von der Politik alleingelassen zu werden. Ein gefährlicher Erosionsprozess für das Fundament unserer Gesellschaft.

Deswegen hilft am Ende nur eines: Aufklären, aufklären, aufklären! Politik muss endlich hinhören, worüber sich viele Bürger daheim, in der Kneipe oder anderswo den Kopf zerbrechen. Sie muss in der Lage sein, Ängste in der aktuellen Flüchtlingspolitik aufzunehmen und aufzuzeigen, wo sich die Bürger mit ihren Befürchtungen einfach irren. Sie muss die Bewohner von Städten und Gemeinden bei Entscheidungen über die Unterbringung von Flüchtlingen mitnehmen und die Hintergründe dafür viel transparenter machen. Und sie muss letztlich auch in der Lage sein zu erkennen, wo die Ängste der Bürger einen realen Grund haben – und wo Politik reagieren muss.

Wer glaubt, mit der Bekämpfung des Phänomens Pegida allein sei die Sache erledigt, der könnte irren. Man wird vielen Demonstranten überdies auch nicht gerecht, wenn man sie pauschal als „islamfeindliche Pegida-Anhänger“ bezeichnet und die Demonstrationen als rechtsextremistischen Spuk abtut. Denn man wird damit nur ein hässliches Symptom behandeln statt nach den tieferen Ursachen zu suchen.

E-Mail: manfred.ruch@rhein-zeitung.net