Archivierter Artikel vom 04.10.2020, 18:21 Uhr

Kommentar: Im Virus liegt die Wahrheit – auch für Trump

Dem Leibarzt des Präsidenten rutschte die Information eher beiläufig heraus. Der Patient habe die Covid-19-Diagnose „vor 72 Stunden“ erhalten, verriet Sean Conley, während er die Öffentlichkeit über den Zustand Trumps informierte. Dieser war am Freitagnachmittag in ein Krankenhaus vor den Toren Washingtons geflogen worden. Sein Arzt verstärkte mit diesem Detail das Misstrauen gegenüber dem Weißen Haus. Hatte der Präsident die Amerikaner über seine eigene Diagnose belogen? Einiges spricht dafür.

Von Thomas Spang

Unser USA-Korrespondent Thomas Spang kommentiert
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Foto: Archiv

Trump hatte in der Nacht zum Freitag via Twitter verkündet, er sei an Covid-19 erkrankt. Tatsächlich wusste er das laut Conley schon seit Mittwoch. Weder der Leibarzt noch das Weiße Haus wollen nun sagen, wann der Präsident zum letzten Mal ein negatives Ergebnis erhielt. Vor der Präsidentschafts-Debatte am Dienstag, wie versprochen? Oder früher?

Das ist keine Kleinigkeit, sondern führt zum Kern des Problems. Denn entweder hielt sich Trump nicht an das Versprechen, sich vor dem Aufeinandertreffen mit dem 77-jährigen Joe Biden testen zu lassen, oder er trat mit vollem Wissen infiziert auf die Bühne von Cleveland. Ohne Maske gefährdete er damit über 90 Minuten lang das Leben seines Herausforderers, des Moderators und des Publikums.

Trump dachte im Großen wie im Kleinen, er könne die Gefahr ignorieren, verharmlosen und vergessen machen. Eine Studie der Elite-Universität Cornell nennt ihn den größten Verbreiter von Covid-19-Fehlinformationen. Er schuf damit in seinem Umfeld eine Kultur der Selbstherrlichkeit, in der es zum guten Ton gehörte, den Rat von Wissenschaftlern zu ignorieren und auf das Tragen von Masken, sozialen Abstand und anderen Schutzmaßnahmen zu verzichten.

All das droht dem Präsidenten nun zum Verhängnis zu werden – politisch und persönlich. Vier Wochen vor den Wahlen legt Covid-19 nicht nur Trump, sondern die Republikaner insgesamt lahm: Binnen Stunden nach seiner Diagnose testen die Parteichefin Ronna McDaniel, sein Wahlkampfchef Bill Stepien, seine Beraterin Kellyanne Conway, sein Debattentrainer Chris Christie sowie drei Senatoren positiv. Damit gerät auch Zeitplan der Bestätigung der neuen Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett durch den Kongress ins Wanken.

Das Ergebnis ist eine handfeste Vertrauenskrise in die Regierung. Trump hat bessere Aussichten, von seiner Infektion zu genesen, als Covid-19 am Wahltag politisch zu überleben. Im Virus liegt die Wahrheit.

E-Mail: thomas.spang@rhein-zeitung.net