Archivierter Artikel vom 18.12.2020, 18:34 Uhr

Kommentar: Geld allein baut kein Ladenetz für E-Autos

Knapp die Hälfte der Deutschen besitzen eine eigene Immobilie, in Rheinland-Pfalz sogar fast 60 Prozent. Ein Großteil dieser Menschen könnte beim nächsten Autokauf einen elektrischen Antrieb wählen, künftig bequem zu Hause „tanken“ und jeden Morgen mit vollgeladenem Akku losfahren.

Jochen Magnus zum Ausbau der Ladeinfrastruktur

Jochen Magnus kommentiert.
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Doch diese Betrachtung ist zu optimistisch, denn ein E-Auto zu kaufen, zumal ein preiswertes, ist gar nicht so einfach: Der Gebrauchtwagenmarkt dafür ist noch sehr überschaubar und auf manchen elektrischen Neuwagen muss man viele Monate warten, von einigen Modelle ist bereits die Jahresproduktion ausverkauft.

Der E-Auto-Boom wird also schon ausgebremst. Das verschafft die nötige Zeit, um öffentliche Ladestationen zu bauen. Denn die Hälfte der Autofahrenden wird nicht zu Hause laden können und viele auch nicht am Arbeitsplatz. Daher scheinen Schätzungen, wie zum Beispiel der Stadtverwaltung Koblenz und des regionalen Energieversorger EVM, dass höchstens 20 Prozent der Ladevorgänge „in freier Wildbahn“ stattfinden, etwas unrealistisch.

Die Bundesregierung will eine Million öffentliche Ladepunkte bis 2030 in Deutschland sehen und pumpt Milliarden Euro in die Förderung. Sie hat einen „Masterplan Ladeinfrastruktur“ aufgelegt und eine „Nationale Leitstelle“ zur Koordination gegründet. Die Autoindustrie fordert eine Verzehnfachung der derzeitigen Ausbaurate und sieht die Kommunen in der Pflicht. Die aber sind froh, wenn sie die nötigen Mittel für ihre Pflichtaufgaben zusammenkratzen können und sehen den Ladenetzausbau derzeit nicht als ihre Aufgabe an. Es fehlt an einem roten Faden, an einer Verbindung von den großen Bundeszielen bis zur kleinteiligen Umsetzung vor Ort. Es muss entschieden werden, ob die öffentliche Ladeinfrastruktur eine staatliche Angelegenheit ist. Dann müssten die Bundesländer den Kommunen aber auch entsprechende Vorgaben machen und Gelder weiterreichen.

Wichtig ist auch, den Schwerpunkt mehr auf Schnellladestationen zu setzen, denn während einer halben Stunde Aufenthalt im Supermarkt an einer 11 kW-Normalstation Strom für 30 Kilometer nachzuladen, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch auch Expresssäulen darf man nicht überschätzen. Denn die heutigen E-Automodelle hängen fürs echte „Volltanken“ (eine 80-Prozent-Aufladung) zwischen 20 Minuten und einer knappen Stunde an der Strippe. Die Schnellladestation an jeder Tankstelle, die Vizekanzler Olaf Scholz fordert, reicht deswegen nicht aus. Man kommt wohl auch um schlichte Auflademöglichkeiten an Straßenlaternen, wie Berlin es demnächst im Tausenderpack testet, nicht herum. In diesem Fall wären die Kommunen ganz besonders gefragt.

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