Archivierter Artikel vom 06.05.2014, 06:51 Uhr

Kommentar: Europa hat noch einen weiten Weg vor sich

Die Prognose klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Fünf Jahre nach dem Tief erhebt sich die EU wie Phönix aus der Asche der Finanzkrise und erreicht – angeblich – im kommenden Jahr wieder das Niveau vor dem Absturz. Doch der Optimismus täuscht: Nur eine kleine Zahl der Mitgliedstaaten bleibt derzeit bei der Neuverschuldung unter der 3-Prozent-Höchstmarke.

Detlef Drewes
Detlef Drewes.
Foto: privat

Detlef Drewes über Vertrauen in die Märkte

Noch dramatischer sieht die Bilanz beim Anteil des Schuldenbergs an der Jahreswirtschaftsleistung aus: Nicht einmal das Zugpferd Deutschland wird in absehbarer Zeit die gesetzte 60-Prozent-Marke unterschreiten.

Gleich drei Staaten konnten den Rettungsschirm verlassen, um wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Ende des Jahres will sogar Athen folgen. Das klingt alles gut, birgt aber die latente Gefahr zu glauben, man habe das Schlimmste überstanden. Dem ist nicht so. Die überfälligen Reformen werden die betroffenen Mitgliedstaaten noch auf Jahre hinaus drücken. Der politisch nur allzu durchsichtige Versuch, sich besser zu reden, als man ist, führt derzeit vor allem dazu, an ein Ende des Sparzwangs zu denken. Schon tischt Frankreichs neuer Regierungschef Manuel Valls wieder Forderungen nach einer Abwertung des Euro auf. Das ist weder neu noch originell und war schon bei jedem seiner Vorgänger schlicht Unsinn. Wenn die Krise etwas gezeigt hat, dann die große Bedeutung einer unabhängigen Zentralbank, die Geldpolitik nicht nach tagespolitischer Stimmung macht. Frankreich muss seine Reformen selbst durchsetzen und durchstehen. Wie andere auch.

Nein, es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Die wirtschaftliche Entwicklung wird zwar nicht mehr schlechter, aber gut ist sie noch lange nicht. Denn die Arbeiten an der Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit, an den Korrekturen des Arbeitsmarktes und der Industriestruktur haben gerade erst begonnen. Die bisherigen Reformen waren richtig. Aber sie werden erst dann wirklich wirken, wenn sie durchgezogen wurden. Europa mag da auf einem guten Weg sein. Der ist jedoch noch lange nicht zu Ende.

E-Mail: detlef.drewes@rhein-zeitung.net