Archivierter Artikel vom 26.07.2016, 19:26 Uhr

Kommentar: Einfache Antworten in Zeiten des Terrors

Es sei doch „alles ganz einfach“, heißt es in den sozialen Netzwerken, ganz gleich, ob die Ursachen der Bluttaten von Nizza, von Würzburg, von München, von Ansbach oder nun vom Priestermord in der Normandie diskutiert werden. Alle Flüchtlinge raus, alle Grenzen dicht und Merkel weg. Fertig.

Gregor Mayntz
Gregor Mayntz
Foto: RZ-Archiv

Differenzierungen wollen viele nicht mehr hören. Und sie werden auch noch von Politikern unterstützt, die ihre finstersten Vorhersagen vom vergangenen Herbst angesichts der Flüchtlingsdynamik nun durch die fast täglichen Terroranschläge und Amoktaten bestätigt sehen. Dass die Täter der schrecklichen Bluttaten aus den vergangenen Tagen schon vor dem Anschwellen des Flüchtlingsstroms nach Europa reisten, dass sie teilweise hier geboren wurden, dass sie eben nicht unregistriert lebten und auch nicht in labilen Verhältnissen – all das interessiert nicht. Wichtig allein ist die Gleichung: Viele Ausländer plus gewachsene Terrorgefahr gleich einfache Lösungen.

Wir wissen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Aber viele Generationen haben schmerzlich erfahren müssen, dass es verheerende Folgen hat, wenn die Lektionen aus der Geschichte nicht gelernt sind oder wieder verblassen. Wie war das noch damals, im Sommer 1914? So viel staute sich an, und für alles gab es einfache Lösungen: Dem Ausländer mal richtig Bescheid geben, ihm zeigen, wo der Hammer hängt, und mit einer militärischen „Spazierfahrt“ nach Frankreich alle Probleme lösen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie die Kommunikation in den sozialen Netzwerken gewesen wäre, hätte es damals schon diese technischen Möglichkeiten gegeben. Die Eskalation von Hass und Gewalt ist zwar neu im Internetzeitalter, aber nicht ohne Beispiel in der Geschichte.

Die Grundstimmung in weiten Teilen der Gesellschaften und das Handeln der politischen Akteure mündeten damals in den Ersten Weltkrieg. Auch heute beschwören Islamisten den Dschihad, den Krieg gegen die Ungläubigen, als Antwort darauf westliche Politiker den Krieg gegen den islamistischen Terror.

Es ist höchste Zeit für eine neue Leidenschaft des Differenzierens. Wenn eine Terrormiliz ein Kalifat des Schreckens errichtet, mit Kriegswaffen staatliche Strukturen zerstört und ganze Territorien erobert, dann ist das selbstverständlich Krieg. Und auch alle militärischen Gegenstöße. Aber wenn Terroristen mit Lastwagen, Äxten, Messern oder selbst gebauten Bomben in den Städten Europas Unschuldige töten, dann wollen sie das Auseinanderbrechen von Gesellschaften und Werten, ein Klima von Angst und Kopflosigkeit bewirken, eine Reduzierung vielfältiger Ursachen und Antworten in einer vielschichtigen und freiheitlichen Gesellschaft auf nur noch eine Frage: Wer tötet wen?

Dem jeden Tag und nach jeder Bluttat erneut entgegenzutreten, und immer wieder nachzufragen, wie es zu dem jeweiligen Einzelfall kam, das ist anstrengend. Und noch anstrengender, jeweils neu über die besten Konsequenzen daraus nachzudenken. Wie komme ich mit der Registrierung voran? Statt: Alle raus. Wie zeige ich besser individuelle Gerechtigkeit und Humanität? Statt: Niemand darf mehr rein. Die bösen Sprüche vom Wochenende, wonach München die Willkommenskultur als „tödlich“ entlarvt habe, hatten nicht das Geringste mit dem konkreten Fall zu tun. Mehr noch, sie führen zu einer anderen Erkenntnis: Wenn der Weg in den Ersten Weltkrieg eines lehrt, dann dass einfache Antworten tödlich sind.

E-Mail: gregor.mayntz@rhein-zeitung.net