Archivierter Artikel vom 20.11.2014, 23:00 Uhr

Kommentar: Eine ganz falsche Weichenstellung

Derzeit kostet der Liter Benzin an der Tankstelle teils nur 1,38 Euro. Viele Autofahrer freut's. Sie müssen sich keinen so argen Kopf mehr machen um die Verbrauchskosten wie unlängst bei Preisen um 1,70 Euro.

Andreas Pecht
Andreas Pecht

Andreas Pecht über das Strohfeuer des Frackings

Nun kann man wieder mal ein bisschen auf die Tube drücken, kommt es auf ein paar zusätzliche Fahrten nicht an. Und aus der Überlegung, auf ein kleineres Auto, gar auf Bus und Bahn umzusteigen, ist der Dampf erst mal raus. Es ist ökologisch zwar unvernünftig, aber die Regel: Wenn die Energiepreise sinken, steigt der Verbrauch. Das gilt für den häuslichen und industriellen Bereich ebenso.

Was hat das mit dem nun in Berlin präsentierten Gesetzentwurf zur Regelung des Frackings in Deutschland zu tun? Das Gesetz wäre eine grundsätzlich falsche Weichenstellung. Dies sogar, wenn man alle örtlichen Umweltgefährdungen ausschließen könnte, die mit der Fördermethode verbunden sind. Denn statt jede Anstrengung in den Umstieg auf regenerative Energien und Energieeinsparung zu stecken, sollen per Fracking auch noch die letzten Öl- und Gasreserven aus der Erde gequetscht werden. Für vielleicht zwei oder drei Jahrzehnte mehr könnten wir weiter in der Illusion leben, uns stünden unbegrenzt fossile Energiequellen zur Verfügung. Dass Fracking deren Erschöpfung nur etwas hinauszögert, wird verdrängt. So wie man „vergisst“, dass auch das durch Fracking gewonnene Öl und Gas zulasten der Ökosphäre verbrannt wird – und das in umso kürzerer Zeit, je mehr wir jetzt fördern und je preiswerter es für eine Weile ist.

Preiskrieg Saudis vs. US-Frackingfreaks

Just da die Bundesregierung ansetzt, fürs Fracking in Deutschland die Hintertüren zu öffnen, mehren sich in den USA Stimmen, die im dortigen Fracking-Boom nur ein Strohfeuer sehen. Prognosen über die Ergiebigkeit der fürs Fracken ins Auge gefassten Lagerstätten werden ein ums andere Mal nach unten korrigiert. Obendrein fluten die Saudis den Weltmarkt mit Öl, um die Preise so weit zu drücken, dass Fracken in den USA unrentabel wird. Da ist ein „Fracking-Krieg“ ausgebrochen, bei dem die Kontrahenten mit einer unglaublichen Verschwendung von Öl-Ressourcen um die Vormacht auf dem Markt kämpfen.

Was nun den Berliner Gesetzentwurf konkret angeht: Er versucht, den Fracking-Unwillen in der Bevölkerung zu beruhigen und gleichzeitig das kommerzielle Fracking-Interesse zu bedienen. „In Ausnahmefällen“, „Probebohrungen“, „nur nach genauer Umweltverträglichkeitsprüfung“, „unter strengen Auflagen“, „nicht vor 2019“, „nur nach Mehrheitsentscheid eines Wissenschaftlergremiums“: So liest sich das Konzept für einen Gewöhnungsprozess, der die Öffentlichkeit unempfindlich machen soll für die alsbald anvisierte Ausbreitung des kommerziellen Frackings im Land.