Archivierter Artikel vom 15.04.2020, 05:30 Uhr

Kommentar: Die schwierige Sache mit den Corona-Zahlen

Es ist ein altes Sprichwort: Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Nun ist dieses ironisch gemeinte Bonmot sicherlich nicht der richtige Zugang zur aktuellen Diskussion um unterschiedliche Interpretationen von Corona-Zahlen, denn hier wird nichts gefälscht, sondern nur unterschiedlich erfasst. Der Hinweis aber, dass alle Zahlen bisher nur bedingt aussagekräftig sind und die Wirklichkeit ganz anders sein kann, ist umso wichtiger. So herum und so herum.

Von Manfred Ruch
Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber
Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber

Manfred Ruch zum Dauerstreit über die Statistiken

Was heißt das für uns im Detail? Da wir nur statistisch genau erfassen, wie viele Menschen insgesamt getestet wurden und wie viele von ihnen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert waren, beruhen Aussagen über den Gesundheits- zustand der übrigen Bevölkerung lediglich auf Schätzungen. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Deutschland zusätzlich infiziert waren und sind, ohne dass sie es überhaupt bemerken. Denn laut Experten gehen die allermeisten Fälle mit nur geringfügigen oder keinen Symptomen einher.

Das aber macht es so schwierig, die richtigen Entscheidungen bei den erhofften Lockerungen und der Rückkehr zur Normalität zu treffen. Denn genauso wie man im positiven Sinne die drohende Gefahr erneut steigender Infektionszahlen überschätzen kann, so kann man sie eben auch unterschätzen. Das ist der Grund dafür, warum die Politik bei ihrem Vorgehen größte Vorsicht walten lassen muss.

Auch wir sind ständig mit Leserfragen zu Corona-Zahlen konfrontiert – und haben selbst viel darüber diskutiert. Denn zwischen den beiden derzeit wichtigsten Datensammlern, der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (USA) und dem bundesdeutschen Robert Koch-Institut, klaffen stets Lücken. Die einen, Johns Hopkins, sammeln von diversen Quellen wie der Weltgesundheitsorganisation, aber auch von Medien erhobene Daten in Echtzeit, das RKI hingegen nur behördlich abgesicherte und deshalb etwas ältere Zahlen, die auf Meldungen der örtlichen Gesundheitsämter und der zuständigen Länderministerien beruhen. Deswegen müssen wir uns auf eine tägliche Quelle und einen täglichen Zeitpunkt einigen, um unter unseren Leserinnen und Lesern keine Verwirrung zu stiften und um die Zuwächse bei den Infektionen vergleichbar zu machen. Wir haben uns fürs RKI entschieden.

Erst recht kompliziert wird es mit den Genesenen, denn auch hier weiß niemand, wie viele der nicht erfassten Infizierten am Ende wieder gesund geworden sind. Es handelt sich bei den Genesenen also um grobe Schätzungen. Gleichwohl veröffentlichen wir sie, denn Anlass zu einer gewissen Hoffnung geben diese Zahlen schließlich schon. Und: Unsere Leserschaft will das einfach wissen.

Was heißt das alles? Wir bewegen uns auf dünnem Eis, wenn wir für die Corona-Krise Prognosen abgeben. Da hilft nur testen, testen, testen. Und die Kanzlerin, die Fachminister und die Länderchefs sind gut beraten, auf dieser Basis heute nicht allzu optimistische Beschlüsse zu fassen. Die mögliche Lockerung will sehr gut vorbereitet sein. Merke: Wer jetzt zu überstürzt handelt, handelt sich möglicherweise die zweite Welle ein. Wer jetzt aber weiterhin mit Bedacht und langsamer agiert, landet am Ende schneller in der Welt nach dem Corona-Lockdown.

E-Mail: manfred.ruch@rhein-zeitung.net