Archivierter Artikel vom 09.08.2013, 06:00 Uhr

Kommentar: Die neue brachiale Offenheit Barack Obamas

Kein Zweifel, die Absage ist ein Schuss vor den Bug Wladimir Putins. Ein sehr persönlicher Affront, obendrein einer, den die Wortkünstler des Weißen Hauses gar nicht erst kleinzureden versuchen mit allerlei Floskeln und Beschwichtigungen.

<a href="http://www.rhein-zeitung.de/suche_cosearch,%2B%22Frank+Herrmann%22_cosort,modDesc_dateFrom,1376863200000_dateRange,default_dateTo,1408399200000.html" target="_blank">Korrespondent Frank Herrmann schreibt >> Berichte, Analysen, Reportagen und Kommentare für die Rhein-Zeitung</a>
Korrespondent Frank Herrmann schreibt >> Berichte, Analysen, Reportagen und Kommentare für die Rhein-Zeitung
Foto: Rhein-Zeitung

Frank Herrmann kommentiert

Im Gegenteil. Als Putin den Amerikanern im Mai 2012 einen Korb gab und bei einem G- 8-Treffen in Camp David durch Abwesenheit glänzte, legte Obamas Pressestab noch die akrobatischsten Verrenkungen hin, um bloß nicht den Eindruck der Krise entstehen zu lassen. Diesmal ist es anders, diesmal lässt das Oval Office in geradezu brachialer Offenheit wissen, für welche Zeitverschwendung man einen bilateralen Gipfel mit dem russischen Präsidenten im Augenblick hält.

Dass Putin Obama den roten Teppich ausrollt und sich selbst zu Böllerschüssen als großer Weltstaatsmann inszeniert, ohne dabei über Substanz reden zu wollen – diesen Gefallen wollen ihm die Amerikaner nicht tun. Schon gar nicht jetzt, da Edward Snowden im Moskauer Exil lebt und aufgebrachte Senatoren in Washington nach einer Retourkutsche rufen.

Man darf nicht vergessen: Obama spielt auch vor einer innenpolitischen Galerie. Bei allem Wirbel, es ist nicht so, dass sämtliche Gesprächskanäle auf einmal verschüttet wären. Der Dialog auf Ministerebene geht weiter, Anfang September reist Obama zur G 20-Konferenz nach St. Petersburg, und natürlich wird er dort von Putin empfangen, anders ginge es protokollarisch gar nicht. Im Atomkonflikt mit Iran kooperieren Amerikaner und Russen. Ebenso, wenn es zu verhindern gilt, dass die Taliban wieder an die Macht kommen. Es gibt deckungsgleiche Interessen, an denen ändern Verstimmungen nichts.

Nur: Vier Jahre nach dem angepeilten, mit zu viel Vorschusslorbeer bedachten „Neustart“ befinden sich Moskau und Washington im akutesten Konflikt der Weltpolitik auf Kollisionskurs. Putin stützt die Assad-Dynastie in Syrien, während Obama die Rebellen, wenn auch zögerlich, mit Waffen beliefert. Die Konstellation erinnert durchaus an die Stellvertreterkriege der Blockkonfrontation, als sich die Supermächte zwar nicht direkt befehdeten, wohl aber auf den Nebenschauplätzen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas militärisch die Kräfte maßen.

Vor allem der syrische Brandherd ist schuld daran, dass es nichts wird mit der einst so beschworenen neuen Partnerschaft zwischen Kreml und Weißem Haus. Und daran ändert sich vorläufig nichts.

E-Mail an den Autor: frank.herrmann@rhein-zeitung.net