Archivierter Artikel vom 29.04.2019, 18:20 Uhr

Kommentar: Die Betriebsrente muss dringend ausgebaut werden

Arbeitnehmer sollen fürs Alter sparen, weil die gesetzliche Rente allenfalls die Hälfte der Summe einbringt, die zur Finanzierung des Lebensunterhalts im Ruhestand nötig wird. Doch kommt es zur ersten Auszahlung einer Betriebsrente oder einer Direktversicherung, erleben viele erst einmal eine böse Überraschung: Die Betriebsrente fällt netto geringer aus als erwartet, weil von ihr gleich wieder der volle Krankenkassenbeitrag abgezogen wird. Die Betroffenen empfinden das zu Recht als ungerecht, schließlich wird auf die gesetzliche Rente – wie bei Arbeitnehmern im Erwerbsleben auch – jeweils nur der halbe Beitragssatz fällig.

Von @rhein-zeitung.net

Birgit Marschall
Birgit Marschall
Foto: RZ

Birgit Marschall zur Altersvorsorge

Seit Jahren hatten sich zwar unterschiedliche Parteien für die Abschaffung dieser Doppelverbeitragung stark gemacht, doch geschehen ist nichts. Dabei hätte es beste Voraussetzungen gegeben: Seit 2010 gab es einen Beschäftigungsrekord nach dem anderen, die Kassen der Krankenversicherung waren gut gefüllt, und sie sind es derzeit trotz einer schwächeren konjunkturellen Entwicklung immer noch.

Doch auch in dieser Legislaturperiode ist selbst eine nur teilweise Entlastung der Betriebsrentner nicht zu erwarten. Erst war es Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich dagegen ausgesprochen hat, weil dafür im Koalitionsvertrag kein Geld vorgesehen sei. Neben Merkel sind aber auch andere in der Union skeptisch: Sie können bei der Sache nur verlieren, so ihr Kalkül. Denn würden nur die künftigen Betriebsrentner entlastet, sähen sich alle betrogen, die seit 2004 schon draufgezahlt haben. Und würden die künftigen Betriebsrentner entlastet, sähen sich wiederum die jüngeren Beitrags- und Steuerzahler ungerecht behandelt, weil sie die Entlastung weit überwiegend finanzieren müssten.

Dennoch ist die Abschaffung des doppelten Beitrags überfällig – und zwar aus einem einzigen Grund: Die betriebliche Altersvorsorge muss in Zukunft für die Arbeitnehmer attraktiver werden, damit künftige Rentnergenerationen besser abgesichert sind. Wird der 2004 von der damaligen rot-grünen Regierung eingeführte doppelte Krankenkassenbeitrag nicht wieder abgeschafft, dürfte das Interesse vieler Arbeitnehmer an der betrieblichen Altersversorgung gering bleiben.

Der doppelte Beitrag dürfte auch ein Grund dafür sein, dass viele Beschäftigte gegenüber ihrem Arbeitgeber zu wenig auf eine Betriebsrente pochen. Sie muss aber als zweite oder dritte Säule der Altersversorgung angesichts der Rentenentwicklung dringend ausgebaut werden. Deshalb wäre eine auch nur geringe Entlastung künftiger Betriebsrentner nötig, und zwar aus Steuermitteln. Auch bei knapperer Haushaltslage wird die eine Milliarde Euro pro Jahr noch zu finden sein, die das voraussichtlich kosten würde.