Archivierter Artikel vom 30.09.2016, 19:47 Uhr

Kommentar: Dicke Luft beim Klimaschutz

Buchstäblich in letzter Minute hat sich Europa wieder seiner Ambitionen erinnert: der Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz. Nun ist fünf vor zwölf immer noch rechtzeitig. Allerdings bleibt die Frage, was dieser Kompromiss der EU-Staaten wirklich wert ist.

Detlef Drewes
Detlef Drewes.
Foto: privat

Denn genau genommen haben sich die 28 Gemeinschaftsmitglieder lediglich auf die Prozedur zur Ratifizierung verständigt und das Ziel akzeptiert. Der Weg dahin bleibt völlig unklar. Genau darüber aber droht noch heftiger Streit.

Wenn Polen beispielsweise am hohen Kohleanteil seiner Energieversorgung festhält, müsste ein anderes Land diesen größeren CO2-Anteil dadurch kompensieren, dass es deutlich weniger Kohlendioxid emittiert. Die Ausarbeitung der nationalen Vorgaben hat Brüssel bisher aus gutem Grund hinausgeschoben. Zu umstritten dürfte sein, was da noch kommen muss. Das betrifft auch Deutschland, dessen CO2-Emissionen seit acht Jahren bei 900 Millionen Tonnen im Jahr stagnieren, obwohl man eigentlich schon 2020 bei 750 Millionen Tonnen sein wollte. Das ist mit der Energiewende allein nicht zu schaffen. Zumal andere Bereiche – wie der Verkehr – nahezu gleich viel Treibhausgas in die Atmosphäre pumpen wie noch vor einigen Jahren. Daran konnten nicht einmal die EU-Vorgaben für Neufahrzeuge etwas ändern, weil sich ganz einfach die Zahl der Fahrzeuge erhöht hat. Der EU stehen noch viele schmerzhafte Diskussionen bevor. Dennoch hat Europa sich verständigt. Das allein darf man schon als angenehme Überraschung bezeichnen. Denn im Zeichen vieler anderer Krisen, über die sich die 28 zerstritten haben, waren Zweifel laut geworden, ob man sich jetzt tatsächlich auf derart ambitionierte Zielvorgaben für die Umweltpolitik festlegen könne. Man konnte.

Allerdings muss der Bürger wissen, dass diese Einigung auf den Beitritt zum Weltklimavertrag nicht ohne Opfer abgehen dürfte. Brüssel muss noch gründlicher die unterschiedlichen Lebensbereiche durchleuchten und unpopuläre Entscheidungen von der Art des Glühbirnenverbotes treffen, um die Erderwärmung wirklich auf 1,5, höchstens zwei Grad zu begrenzen. Es ist unseriös, nach einer ehrgeizigen Politik zum Schutz des Weltklimas zu rufen, diese aber dann, wenn sie konkret wird, zu verteufeln.

E-Mail: detlef.drewes@rhein-zeitung.net